Totentanz
1907Sie brauchen kein Tanz-Orchester; sie hören in sich ein Geheule, als wären sie Eulennester. Ihr Ängsten näßt wie eine Beule, und der Vorgeruch ihrer Fäule ist noch ihr bester Geruch.
Sie fassen den Tänzer fester, den rippenbetreßten Tänzer, den Galan, den echten Ergänzer zu einem ganzen Paar. Und er lockert der Ordensschwester über dem Haar das Tuch; sie tanzen ja unter Gleichen. Und er zieht der wachslichtbleichen leise die Lesezeichen aus ihrem Stunden-Buch.
Bald wird ihnen allen zu heiß, sie sind zu reich gekleidet; beißender Schweiß verleidet ihnen Stirne und Steiß und Schauben und Hauben und Steine; sie wünschen, sie wären nackt wie ein Kind, ein Verrückter und Eine: die tanzen noch immer im Takt.
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Interpretation
Das Gedicht "Totentanz" von Rainer Maria Rilke beschreibt eine makabre Tanzszene, in der die Toten zu einem unheimlichen, inneren Geheul tanzen. Die Toten, verglichen mit Eulennestern, sind von Angst und Fäulnis erfüllt, die als ihr einziger Geruch wahrgenommen wird. Der Tanz wird von einem "rippenbetreßten Tänzer" angeführt, der die Toten, insbesondere eine Ordensschwester, in einem gleichberechtigten Paar führt. Der Tänzer entfernt sanft den Schleier der Schwester und die Lesezeichen aus ihrem Stundenbuch, was auf eine Aufhebung von Ordnung und Struktur hindeutet. Die Tanzszene wird zunehmend intensiver und unerträglicher, da den Toten die Kleidung zu heiß und beengend wird. Der Schweiß verdirbt ihnen das Aussehen und sie wünschen sich, nackt zu sein wie ein Kind oder ein Verrückter. Doch selbst in diesem Zustand tanzen sie weiterhin im Takt, was auf eine unerbittliche, mechanische Bewegung hindeutet, die sie nicht kontrollieren können. Das Gedicht vermittelt eine düstere Atmosphäre des Todes und der Verwesung, in der die Toten in einem endlosen, qualvollen Tanz gefangen sind. Die Beschreibung der Toten als "Eulennester" und der Bezug auf die Fäulnis unterstreichen die morbide Stimmung. Die Aufhebung von Ordnung und Struktur durch den Tänzer symbolisiert möglicherweise den Verlust von Kontrolle und die Unausweichlichkeit des Todes. Das Gedicht endet mit der Vorstellung, dass selbst in ihrer Nacktheit und Verletzlichkeit die Toten weiterhin im Takt tanzen, was auf eine ewige, unentrinnbare Bewegung im Jenseits hindeutet.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- rippenbetreßten Tänzer
- Bildlichkeit
- beißender Schweiß verleidet ihnen Stirne und Steiß und Schauben und Hauben und Steine
- Hyperbel
- beißender Schweiß verleidet ihnen Stirne und Steiß und Schauben und Hauben und Steine
- Metapher
- als wären sie Eulennester
- Personifikation
- Sie brauchen kein Tanz-Orchester; sie hören in sich ein Geheule
- Symbolik
- die tanzen noch immer im Takt
- Vergleich
- Sie tanzen ja unter Gleichen