Totentanz
1749Der Türmer, der schaut zu Mitten der Nacht Hinab auf die Gräber in Lage; Der Mond, der hat alles ins Helle gebracht; Der Kirchhof, er liegt wie am Tage. Da regt sich ein Grab und ein anderes dann: Sie kommen hervor, ein Weib da, ein Mann, In weißen und schleppenden Hemden.
Das reckt nun, es will sich ergetzen sogleich, Die Knöchel zur Runde, zum Kranze, So arm und so jung, und so alt und so reich; Doch hindern die Schleppen am Tanze. Und weil hier die Scham nun nicht weiter gebeut, Sie schütteln sich alle, da liegen zerstreut Die Hemdlein über den Hügeln.
Nun hebt sich der Schenkel, nun wackelt das Bein, Gebärden da gibt es vertrackte; Dann klippert’s und klappert’s mitunter hinein, Als schlüg’ man die Hölzlein zum Takte. Das kommt nun dem Türmer so lächerlich vor; Da raunt ihm der Schalk, der Versucher, ins Ohr: Geh! hole dir einen der Laken.
Getan wie gedacht! und er flüchtet sich schnell Nun hinter geheiligte Türen. Der Mond, und noch immer er scheinet so hell Zum Tanz, den sie schauderlich führen. Doch endlich verlieret sich dieser und der, Schleicht eins nach dem andern gekleidet einher, Und, husch, ist es unter dem Rasen.
Nur einer, der trippelt und stolpert zuletzt Und tappet und grapst an den Grüften; Doch hat kein Geselle so schwer ihn verletzt, Er wittert das Tuch in den Lüften. Er rüttelt die Turmtür, sie schlägt ihn zurück, Geziert und gesegnet, dem Türmer zum Glück, Sie blinkt von metallenen Kreuzen.
Das Hemd muß er haben, da rastet er nicht, Da gilt auch kein langes Besinnen, Den gotischen Zierat ergreift nun der Wicht Und klettert von Zinne zu Zinnen. Nun ist’s um den armen, den Türmer getan! Es ruckt sich von Schnörkel zu Schnörkel hinan, Langbeinigen Spinnen vergleichbar.
Der Türmer erbleichet, der Türmer erbebt, Gern gäb er ihn wieder, den Laken. Da häkelt - jetzt hat er am längsten gelebt - Den Zipfel ein eiserner Zacken. Schon trübet der Mond sich verschwindenden Scheins, Die Glocke, sie donnert ein mächtiges Eins, Und unten zerschellt das Gerippe.
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Interpretation
Das Gedicht "Totentanz" von Johann Wolfgang von Goethe beschreibt eine nächtliche Szene auf einem Friedhof, wo die Toten aus ihren Gräbern steigen und einen makabren Tanz aufführen. Der Türmer, der Wächter auf dem Kirchturm, beobachtet das unheimliche Spektakel und wird von einem verschlagenen Gedanken getrieben, sich eines der Leichentücher der tanzenden Toten zu holen. Er schleicht sich in die Kirche und verbarrikadiert sich hinter den geheiligten Türen. Während der Türmer in der Kirche versteckt ist, setzen die Toten ihren schaurigen Tanz fort, bis sie schließlich einer nach dem anderen wieder in ihre Gräber zurückkehren. Nur ein Toter bleibt zurück, der verzweifelt versucht, zu dem Kirchturm zu gelangen, um an das Leichentuch zu gelangen. Er klettert an den gotischen Verzierungen des Turms empor, während der Türmer vor Angst erbleicht. Schließlich packt ein eiserner Zacken das Leichentuch, der Mond verliert seinen Schein, die Glocke schlägt Mitternacht, und unten auf dem Friedhof zerschellt das Gerippe des Toten.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Ironie
- Geziert und gesegnet, dem Türmer zum Glück
- Kontrast
- So arm und so jung, und so alt und so reich
- Metapher
- Langbeinigen Spinnen vergleichbar
- Onomatopoesie
- Dann klippert's und klappert's
- Symbolik
- die gotischen Zierat