Toleranz
1739Der dicke Franz nahm eine Hur′ ins Haus. Sein Nachbar Melcher sprach: Ei Franz, jag doch das Mensch hinaus! Im ganzen Dorf spricht man dir Uebels nach. Hm, sprach der aufgeklärte Franz, ′S ist dummes Volk, weiß nichts von Toleranz.
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Interpretation
Das Gedicht "Toleranz" von Christian Friedrich Daniel Schubart handelt von einem Mann namens Franz, der eine Frau von zweifelhaftem Ruf bei sich aufnimmt. Sein Nachbar Melcher kritisiert dies und rät ihm, sie aus dem Haus zu werfen, da das ganze Dorf schlecht über Franz spricht. Franz jedoch rechtfertigt sein Verhalten mit dem Begriff der Toleranz und bezeichnet die Dorfbewohner als dummes Volk, das nichts von Toleranz versteht. Das Gedicht kritisiert die heuchlerische Anwendung des Toleranzbegriffs im 18. Jahrhundert. Franz beruft sich zwar auf Toleranz, um sein Verhalten zu rechtfertigen, doch er selbst zeigt keinerlei Toleranz gegenüber den kritischen Stimmen im Dorf. Er verachtet sie als unwissend und minderwertig. Damit wird deutlich, dass Toleranz oft als Vorwand dient, um eigene Interessen durchzusetzen, ohne sich wirklich für andere zu öffnen oder deren Meinungen anzuerkennen. Schubart deckt auf diese Weise die Doppelmoral und den Missbrauch der Toleranzidee auf. Das Gedicht regt zum Nachdenken über den wahren Sinn von Toleranz an. Es geht nicht darum, sich selbst alle Freiheiten herauszunehmen und andere zu verachten, sondern darum, andere Meinungen und Lebensweisen anzuerkennen und zu respektieren, auch wenn man sie selbst nicht teilt.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Dialog
- Der Austausch zwischen Franz und Melcher verdeutlicht den Konflikt und die Ironie der Situation.
- Ironie
- Der dicke Franz nimmt eine Hur′ ins Haus und rechtfertigt es mit Toleranz, obwohl es moralisch fragwürdig ist.
- Kontrast
- Der Kontrast zwischen Franz' Handlung und seiner Behauptung, ein aufgeklärter Mensch zu sein.
- Personifikation
- Das dumme Volk, das nichts von Toleranz weiß, wird als kollektive Person dargestellt.