Todtenkränze VIII.
1837Arglist′ger Geist, Du sollst mich nicht berücken! Gab ich zur Antwort. – Jene Grabeshügel, Zu denen Du mich leitend hast getragen, Auf rascher Lüfte leichtbewegtem Flügel, Wohl glaub′ ich, daß sie wunde Herzen drücken! Doch warum zeigst Du diese? laß mich fragen. – In den vergangnen Tagen, Wie in den unsern, hat die Welt gesehen Befleckt den Lorbeer durch der Ehrsucht Streben, Sah Liebe sich unsel′ge Bande weben, Und Phantasie das Leben mißverstehen! Mag immerhin die Flamm′ ein Haus verzehren! – Doch bleibt sie Wohlthat, göttlich zu verehren! –
Und darf der Kranz nur Lieb′ und Lieder lohnen? Bestrahlt der Ruhm nur bloß den Schmuck der Waffen? Gnügt einzig denn, daß für die Pflicht man sterbe? Für sie zu leben und für sie zu schaffen, Ist es so wenig, daß an jene Kronen Kein Anrecht sich ein großes Herz erwerbe? Bleibt von dem reichen Erbe Entfernt der Edle, der für′s Recht geglühet? – Wer für das Glück von kommenden Geschlechten Treulich gewacht in schlummerlosen Nächten, Wer für die Mitwelt rastlos sich gemühet, Wer Gedeihn, das eigne nie, ermessen, Wird ihm kein Kranz? bleibt er vom Ruhm vergessen?
»Vom Ruhme nicht, vom Glück! – Gnügt jenen Herzen, Gebrochen von der Qual mißkannten Strebens, Ein dürrer Zweig′ auf ihrer frühen Bahre, Statt allem Lohn des mühevollen Lebens, Das, arm an Freuden, aber reich an Schmerzen, Hinschmachtet auf des Vaterlands Altare, Der durchgekämpften Jahre, Wo an den tiefen, innern Seelenwunden, Der edle Geist, so frei, so hochgemuthet, Allmählig sich verzehret und verblutet, Ersetzt ein Kranz sie, allzu spät gefunden? – Wohlan, laß uns zwei große Todte fragen, Ob sie wohl schwer an ihrem Glück getragen.« –
»Nicht wo der Themse breite Wogen rinnen Entlang des Towers dicken, schwarzen Mauern, An denen Englands blutige Geschichte Geschrieben steht, mit allen blut′gen Schauern Verworr′ner Wuth, laß forschend uns beginnen, Laß, wo der Luft entzogen und dem Lichte, Für grause Mordgerichte Parteienhaß die Opfer aufbewahret, Nicht an das alte Eisenthor uns pochen, Daß die Gemordeten, heraufgekrochen Aus ihren Gräbern, vor uns stehn, geschaaret, Und Antwort geben! – Nicht die frage, Die Greu′l durchwühle nicht Tage!« –
»Sieh hier Westmünsters edle Grabeshallen! Hier ruhn die Todten, welche reicher Ehren Am würdigsten der Britte hat geachtet, Am würdigsten von jenen Würd′gen allen, Die hochgeragt in Thaten und in Lehren! – Nicht Schmeichler loben, den das Grab umnachtet! Was wer erkämpft, getrachtet, Gegraben steht′s in ehrne Tafeln, offen Dem Blick der Nachwelt, und Lob bezeuget, Ob dem die Mitwelt sich gebeuget, Denn strenges Recht darf der Entschlafne hoffen! Sieh hier drei Gräber! die drin ruhen, nennet Groß jene Stimme, die nicht Rücksicht kennet!« –
»– Doch ob sie glücklich, sie, die groß gewesen: Du sollst′s erfahren, rufe sie beim Namen! Ruf ihn herauf, er soll Dir Rede stehen, Den sie zuletzt hier zu bestatten kamen! Inmitten ist die Ruhstatt ihm erlesen, Wo noch die Geisterstimmen derer wehen, Die lang die Welt gesehen, Den Erdball lenken mit der Macht der Rede! – Zwei Löwen, die den Freibrief Englands halten, Sah man den einen ruhig sich drauf stützen, Indeß der andre, stets bereit zur Fehde, Feurigen Blicks, muthig die Mähne schüttelt, Wenn′s einer wagt, und an dem Siegel rüttelt!« –
»– Ruf′ ihn, den dritten jener großen Todten, Deß sichre Hand Britanniens Schiff gesteuert, Daß es, durch Brandung unbeständ′ger Wogen, Im raschen Siegerzug, vom Ruf befeuert Des immer wachen, mächtigen Piloten, Mit stolzer Pracht den Ocean durchzogen! – Sie ist hinweg geflogen, Die hohe Seele, von Begeist′rung trunken, Die nie gemäkelt hat mit Menschenrechten, Die kühn gekämpft mit dem verjährten Schlechten, Die, treu, gewußt der Freiheit heil′gen Funken Vor zügelloser Frechheit blindem Wüthen, Wie vor Gewalt der Willkür zu behüten!«
»Er nannt′s nicht Ruhm, den Sinn, die Worte biegen, Mit Eiden spielen, kluggelegte Schlingen Der Arglist, fein, dem Blick der Welt verhehlen! Nie sah man ihn der Furcht ein Opfer bringen, Mit guten Waffen einzig wollt′ er siegen, Und stolz verschmäht er Ränke kleiner Seelen! – Das Recht wollt′ er vermählen Der Wahrheit! Staatskunst war die ; Aus niederem Versteck zog er zum Lichte, Zum lauten, offnen Spruch der Weltgerichte, Mit Freimuth ihre Thaten, ihre Lehre! – Groß durch sich selbst, wo Andre Sterne tragen, Hat ihm ein Herz in warmer Brust geschlagen!« –
»– Was war sein Lohn, was hat er sich erstritten? Ging er, ein Schnitter, nun der Tag geendet, Auf seinen Garben ruhn, im Hochgefühle, Daß er der Ernte freudig Werk vollendet? – Nicht so fürwahr! Erschöpft sank er inmitten Der sauern Mühen, in des Mittags Schwüle Des Abends sanfte Kühle Nicht mehr erwartend! Wie aus ödem Thurme Des Pharus Leuchte hängt, die Winde oben, Und unten wild die Meeresfluthen toben, So stand er einsam da, ein Ziel dem Sturme! – Ihr saht den Kranz wohl, der die Locken schmückte, Doch nicht den Dorn, der seine Schläfe drückte!« –
Wohl – sprach ich – ist er nach gelegten Garben, Nach schönen, wenn auch heißen Sommertagen, Mit reicher Ernte Segen heimgegangen! Laß Andre voll damit die Speicher tragen, Nun er dahin! – Er fiel, ein Held voll Narben, Deß brechend Auge erst der Tod umfangen, Als er mit Siegesprangen Das Feld gezeichnet, das er sich erstritten! Noch ruft er laut mit mächt′gem Geistermunde, Und seine Stimme tönt aus Grabesgrunde Von Pol zu Pol den Wahlspruch edler Britten: Es soll dem Glauben und dem Recht auf Erden Allüberall die gleiche Freistatt werden! –
Die, weil er lebte, sich von ihm gewendet, – Monde der Nacht, indeß er Tagessonne! – Sieh nun sie selbst sein hohes Wort verbreiten! Ist es Glück, ist es edle Wonne, Wenn unsre Werke, ob wir selbst geendet, Heilbringend durch die allerfernsten Zeiten Im Licht des Ruhmes schreiten? – Sieh, wie die Blätter, Kranz entfallen, Noch gnügen, um die Erben zu bekränzen Mit Bürgerkronen! – Ihre Häupter glänzen Von Strahlen, die von Antlitz wallen! Unlösbar steht sein Zauber – denn sie haben Das Siegel mit dem Zauberer begraben! –
Die ihm gefolgt, sie mühten sich vergebens Das Buch zu öffnen, das sein Bann verschlossen! Sie mußten, fügsam, selbst der Macht sich beugen Des Magus, der hinweg schied aus des Lebens Bewegten Räumen, wie sie′s auch verdrossen, Lehrlinge, seiner Meistergröße Zeugen, Gezwungen sich zu neigen Dem höhern Geiste! – Wie in vor′gen Tagen Die Mauren flohen vor des Eids Gebeinen, Als eine Leiche, eingesargt, die Seinen Ihn zu der Ahnen Ruhstatt hingetragen: So schreckt der Todte sie, die noch mit Grauen Nach seinem Grab, ob er erstehe, schauen! –
Er hat nicht Hand gelegt an seine Tage; Er kam , und kehrte Er wieder heimwärts zu den Sternenhallen, Obgleich die Welt wehklagend ihn entbehrte, Der retten konnte aus der Zeiten Plage! Sein Nam′ ist nicht gemeinem Loos verfallen; Er wird gesegnet schallen In′s Ohr der Zukunft, von der Mitwelt Zungen! Ihr Neider seines Ruhms, seht hin! Nicht rothe, Tiefdunkle Ströme röchelt aus der Todte; In Flammen hat er sich empor geschwungen, Als er geweissagt, so wie Feuerwagen Zum Himmel die Propheten einst getragen!
»Und hat die Welt viel besser sich befunden Als er gelebt, war anders sie gestaltet, War sie gesegneter, war sie in Frieden, Hat Glück und Ruhe mehr als itzt gewaltet? – – Und ist denn Wohl und Heil mit ihm geschwunden, Steht nun die Erde, seit er weggeschieden, In Flammen, ist hienieden Nicht Recht, nicht Ordnung, Tugend mehr zu schauen? – Nicht Freiheit braucht der Mensch, er braucht der Schranken, Und wenig nur wird er es denen danken, Die seinem Geist die Himmelsleiter bauen, Daß er sich schwing′ auf morgenhellem Gleise Von Licht zu Licht in immer höh′re Kreise!«
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Interpretation
Das Gedicht "Todtenkränze VIII." von Joseph Christian von Zedlitz beschäftigt sich mit dem Thema Ruhm und Anerkennung für große Persönlichkeiten, die für das Wohl der Gesellschaft gearbeitet haben. Der Sprecher argumentiert gegen einen "arglistigen Geist", der ihm Gräber zeigt und fragt, warum diese Personen nicht den Ruhm und die Anerkennung erhalten haben, die ihnen zustehen. Er behauptet, dass diejenigen, die für die Pflicht, das Recht und das Glück zukünftiger Generationen gearbeitet haben, einen Kranz und Ruhm verdienen. Der Sprecher ruft zwei große Tote auf, um ihre Meinung über ihr eigenes Glück zu erfahren. Er erwähnt einen Ort in England, an dem viele bedeutende Persönlichkeiten begraben sind, und bittet um die Meinung von drei spezifischen Gräbern. Diese Gräber enthalten Personen, die für die Freiheit und das Recht gekämpft haben, wie einen Piloten, der Britanniens Schiff gesteuert hat, und einen Staatsmann, der für die Wahrheit und die Menschenrechte eingetreten ist. Der Sprecher beschreibt das Leben und den Tod dieser großen Persönlichkeiten und betont, dass sie nicht nach Ruhm und Anerkennung gestrebt haben, sondern für ihre Überzeugungen gekämpft haben. Er argumentiert, dass ihr Lohn nicht in materiellen Gütern oder einem friedlichen Tod bestand, sondern in der Erfüllung ihrer Pflicht und dem Wissen, dass sie für das Wohl der Gesellschaft gearbeitet haben. Der Sprecher schließt mit der Feststellung, dass die Nachwelt ihre Werke und Worte weiterträgt und dass ihr Ruhm und ihre Anerkennung auch nach ihrem Tod bestehen bleiben.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Anapher
- Nicht ... Nicht ... Nicht
- Hyperbel
- Tagessonne
- Metapher
- Kreise
- Personifikation
- Arglist′ger Geist