Todtenkränze VI.
1790So, fort in klaren Luftkrystallen schwebend Ziehn wir, das schöne Land zu unsern Füßen; Und tausend Städte können, nah′ und ferne, Auf einmal überschauend wir begrüßen. Links der Hallen sich erhebend, Und in der Ebne hingestreut wie Sterne Die Schlösser, wo so gerne Die alten Dichter Welschlands mochten weilen, Bei jenem lorbeerreichen Stamm von Este! – Und dort Veste! Und weiter hin, wo Arno′s Wellen eilen, Des Stadt, des kunstgeweihten, Des größten Geistes jener alten Zeiten!
Wohin das Auge steht auf unsrem Fluge, Dort möcht′ es ruhen und verweilend bleiben, Von der Erinn′rung mächtig festgehalten! – Es können Worte nimmer sie beschreiben, Die Wunder alle, die auf unsrem Zuge In immer neuem Wechsel sich entfalten; Bis wir dann näher wallten, Inmitten zweier ausgespannter Meere, – Denn rechts sahn die Fluth wir blinken, Links , die sturmgepeitschte, winken – Bis endlich sich die gottgeweihte, hehre, Hochheil′ge hob vor unsern Blicken, Das Staunen einer Welt und ihr Entzücken! –
All′ jene Zierden, aus den alten Zeiten Herüberwinkend mit den Prachtruinen, Des Coliseums wunderbaren Bogen, Die Tempeltrümmer, die gewalt′gen, kühnen, Des Forums fast versunkne Herrlichkeiten, Die hohen Pforten, wo die Helden zogen, Vom Jubelruf umflogen, Die Riesenmauern und die Säulenhallen, Die Thermen und die hohen Mausoleen, Wo Geister der Heroen wandeln gehen, Wenn sie hervor aus ihren Gräbern wallen, Der Weltenherrscher unvertilgte Spuren Sahn wir vor uns, als wir hernieder fuhren! –
Und was ein neu Geschlecht hinzugesellet, Des alten Wunder noch zu überragen: Bau, dem nichts sich kann vergleichen; Die mächt′ge Kuppel, stolz empor getragen Von , der so hoch gestellet Des Kreuzes weithin strahlend Gnadenzeichen, Daß, um es zu erreichen, Des stark beschwingten Adlers Flug nicht gnüget! Den Vatikan, die Engelsburg, die feste, Die Obelisken, Brunnen und Paläste, Bildsäulen, Pforten, stark in Erz gefüget, Ich sah sie wohl dem Blick vorüber eilen, Doch konnt′ ich nicht betrachtend drauf verweilen. –
Bei Sankt Onufrio, wo Citronendüfte Süß aus dem stillen Klostergarten wehen, Bei jener Kirche, – Kirchlein nur zu nennen, Wenn man Sankt Peters Riesendom gesehen, Deß Haupt, emporgestrecket in die Lüfte, Wie eine lichte Sonne scheint zu brennen Und das Gewölk zu trennen! – Verweilten wir und öffneten die Pforte! Bald stand ich still vor einem Leichensteine: »Hier ruhen modernde Gebeine!« Stand drein gegraben statt all′ andrer Worte. Da zuckt′ ein Weh′ durch mich! Es zu versüßen Senk′ ich mein Knie, das werthe Grab zu küssen! –
»Laß,« – sprach der Geist – »laß es vorüber gleiten Im Spiegel der Erinn′rung, Leben, Daß Dir in ihm sein Glück sich deutlich künde! Ihm wohl vor Vielen war der Kranz gegeben, Den Deine Göttin spendet den Geweihten! – Daß, was er fühlt, in Andern er entzünde, Den Born der Kunst ergründe, Die hohe Kraft ward gnädig ihm verliehen. Laß uns denn sehn, ob sich sein Glück gemehret; Ob jener Hauch der Gottheit ihn gelehret, Den selbstgeschaffnen Qualen zu entfliehen? Ob sie ihn schirmte in dem innren Kriege, Ob sie ihm half zum schwererkämpften Siege?«
Unseliger! Der, als er kaum geboren, Ein Flüchtling an der Mutterbrust, muß irren, Getrieben aus der Heimath süßem Frieden! Eh′ noch die Nebelträume sich entwirren, Die trüb, gestaltlos, liegen an den Thoren Der Seele; wo der Mensch noch nicht geschieden Vom Thier, sonst nichts hienieden Noch Leben nennt, als ungestörten Schlummer; Warst du – allein entrückt dem milden Loose, Zu ruhn im Kelch der noch geschlossen Rose Harmloser Kindheit – schon ein Ziel dem Kummer; Und mußtest, vorgereift, in jenen Tagen Schon Männerschmerz im Kinderbusen tragen! –
Und als, ein Jüngling, Du das Daseyn grüßtest Mit Deiner Seele liebevollstem Gruße, Als Du versucht die ersten Wunderklänge, Gluthreich, als ob in tief sehnsücht′gem Kusse Das eigne Leben Du verhauchen müßtest; Und als, dem Fruchtbaum gleich im Lenzgepränge, Mit schwellendem Gedränge, Berührt vom wonnigsüßen Frühlingsstrahle, Sich nun erschloß der Lieder Knospenfülle, Und, von des Blüthenschnees duftreicher Hülle Dicht überweht, Du standst mit einemmale: Da brach zugleich aus Deinem tiefsten Herzen Der blut′ge Quell von namenlosen Schmerzen. –
Ungleiches Geschenk, das Du empfangen, Unglücklich Loos, das Dir daraus entsprungen! O, wäre nie Dein Name, sternumwunden, Geflossen von den wonnetrunknen Zungen! Die Dornen, die in Deine Seele drangen, Du hättest ihren Stachel nie empfunden, Wärst spurlos Du verschwunden, Statt in des Ruhmes Aetherglanz zu baden! O, hätte doch in seinen Goldpalästen Dich nie gesellt zu seinen Gästen, Nie nach , , Dich geladen! Was soll der Dichter in der Fürsten Hallen; Kann Er dem Ort, kann der Ort gefallen? –
Deß volle Brust nur Stimme sucht und Klänge, Um auszusprühn, was ihm das Herz beweget; Er, der bald jauchzen möcht′, und wieder weinen, Den stets des Augenblicks Gewalt erreget, Wie soll er wandeln in dem Weltgedränge, Wo Niemand ist, und Alle wollen scheinen? Wie soll er klug vereinen, Was ihm so Noth thut und so fern doch lieget? – Was groß dünkt, sieht er es verachten, Und verlacht, wornach gierig trachten, Dort ist er stolz, wo sich der Kluge schmiegt; Und wo stolz gleich ihnen sollte prunken, Ist voll Demuth, in sich selbst versunken! –
O, flieh, , laß Dich nicht bethören! – Weil Deinem Haupte Kränze sie gewunden, Weil Du vielleicht ihr Auge feucht gesehen, Meinst Du, sie fühlen mit, was Du empfunden? Weil sie Dein Werk nicht ohne Rührung hören, Glaubst Du, bewegt, daß sie Dein Herz verstehen, Auf Deinen Bahnen gehen? Du meinst, sie Dich, weil sie erfuhren Das Walten Deines Geists im tiefsten Leben, Himmlischer Gaben angebornes Weben, Den Zauberstab begünstigter Naturen? Du hättest ihre Achtung fortgetragen, Weil sie entzückt in ihre Hände schlagen? –
Unsel′ger Irrthum, der Dich hat geblendet! Ein Gaukler bist Du, ihre Zeit zu würzen, Um, vorgerufen nach dem üpp′gen Mahle, Den trägen Lauf der Stunden zu verkürzen! Man schickt Dich fort, wenn Du Dein Lied geendet! – Was irrt Dein Blick mit seinem dunklen Strahle So glühend dort im Saale, Sich einzubohren in Augen? – Dein Herz, erfüllet von den Doppelgluthen, Es wird in langen Martern sich verbluten Und zehrend Gift aus allen Adern saugen! Die süße Hoffnung, die Du groß gezogen, Ihr Blick, ihr Wort – sie haben Dich betrogen! –
Bald sehen wir die goldnen Hallen schwinden! Die hohen Herren und huldreichen Frauen, Die erst Dir lächelten so süß und milde, Wo sind sie hin? Sie sind nicht mehr zu schauen! – In andern Mauern bist Du jetzt zu finden, Wie ganz verschieden von dem vor′gen Bilde! Ein finstrer Thurm, und wilde, Verzerrte Graungestalten zum Erschrecken, Die grinsend durch die Eisenstäbe blicken, Mit magern Armen an den Gittern rücken, Und bleiche Hände durch die Oeffnung strecken! Und oben hört man gräflich Lachen tönen, Und unten Jammer, Wehgeheul und Stöhnen! –
Wie kamst Du her? Wie kann weilen? – Wenn Du Dein volles Herz nicht niederdrücktest, Dein Auge nicht in strengen Bann gezwungen, Als Du die Dame, der Du dienst, erblicktest: Sah man, ihr nach, die Haine Dich durcheilen, Rief Echo kühn mit unsichtbaren Zungen Die stillen Huldigungen, Den süßen Namen – süß Dir zum Verderben! – Bist Du drum strafbar, war′s so schwer Erkühnen, Daß Tod nur den verwegnen Traum kann sühnen: So sey′s darum! – wohlan, so magst Du sterben! Du hast Dein Schwert nicht ohne Ruhm getragen, Du stirbst als Mann, ich weiß es, ohne Klagen! –
Doch nicht der Tod, die ist Dir bereitet! Damit Dein Name früher als Dein Leben Vernichtet sey, und Du ein Ziel dem Hohne, Dem Pöbel zur Verachtung Preis gegeben; Daß nicht, wenn Ruhm zu Grabe Dich begleitet, Erinnerung mit immer grüner Krone Verklärend Dich belohne; Daß als todt Du seyst, daß Du, geschändet, Nur Grau′n in zarter Brust und bleichen Schrecken, Nicht edles Mitleid fürder magst erwecken, Und keine Thräne werd′ an Dich verschwendet, – Wird Tollheit zur Gefährtin Dir gegeben! Wahnsinnig nennt man Dich! so magst Du leben.
Umsonst erschütterst Du die hohle Mauer, Wo Deine Klagen ungehört verhallen, Und Dein gerechter Zorn nicht wird geachtet! Ist′s dann ein Wunder noch, wenn, angefallen Von Gram, Verzweiflung, Ueberdruß und Trauer, Den Geist, der in zehnfachen Banden schmachtet, Endlich, verhüllt, umnachtet, Wahrhafter Wahnsinn fasset und vernichtet? – – Doch, ob sie′s wünschen mögen und erstreben, Der Funke bleibt Dir, den Dir Gott gegeben! Bald steht die Welt erstaunt, was Du gedichtet, Begierig athmet sie die Wunderklänge Begeisterter, unsterblicher Gesänge! –
So wird zum Spotte Deiner Feinde Trachten; Noch ungetrübt fließt Deines Geistes Quelle! Vom Belt zum Aetna wird′s der Ruf bezeugen: Noch strahlet in der vor′gen Helle, Und was die Lüg′ ersann, er darf′s verachten! – Allein der Körper, den die Martern beugen, Muß früh zu Grabe steigen, Vom gift′gen Hauch der Kerkerluft verzehret! – Nun endlich läßt man seine Bande fallen, Und hin zur Gruft darf fesselfrei er wallen! – Was Mantua′s Herzog lang′ für ihn begehret, Der freie Athem für die Neige Leben, Wird endlich ihm als letzte Gunst gegeben!
Noch einmal fühlt er frischer Kräfte Weben; In gier′gen Zügen trinkt den Strom der Lüfte Sein schwellend Herz, das noch wie ehmals glühet! Der Tasso steigt aus Nacht der Grüfte, Der lang entbehrten Sonne rückgegeben! Wie unterm Schnee das Grün der Saaten sprühet, Die frühe Primel blühet, So ist sein Herz noch frisch und grün geblieben, Ob starres Wintereis es auch bedeckte Und rauher Stürme Toben es erschreckte! In Blüthen prangt sein Dichten und sein Lieben! – Hin nach Sorrent fliegt er, in Schwesterarmen Vom langen Winterfroste zu erwarmen! –
Unglücklich Herz, das keine Ruhe kennet! – Blick′ auf das Meer, es stillet sich sein Rasen; Die Donner schweigen endlich in den Lüften! Und die Orkane hören auf zu blasen! Ja, der Vesuv, deß Eingeweide brennet, Er, der die Erze schmilzt in seinen Grüften, Und aus den tiefen Klüften Sie tobend auswirft, als ob aus dem Schlunde Der Erd′ uralter Gluthpfuhl sich entlüde: Er rastet! – Die werden müde, Und du, o Herz, allein mit deiner Wunde, Du willst nicht ruhn und findest nicht den Frieden. Der selbst der See, dem Sturm, der Gluth beschieden!
Und wieder treibt′s Dich fort, die falschen Wogen Sturmvoller Meer′ auf′s Neue zu befahren; Kaum rückgekehret, wieder zu verlassen Des Vaterhauses lang′ entbehrte Laren! – Von deinem Schicksal fühlst Du Dich gezogen, Die alte Unruh′ will Dich wieder fassen, Dich ziehn nach jenen Straßen, Zum Venusberg; wo, vom Magnet bezwungen, Die Nägel fliegen aus der Rüstung Stahle, So, daß entwaffnet stehn mit einemmale, Die sich verirrt auf ihren Wanderungen; Zum Zauberhaine, wo Du kaum den Drachen Entrannst, die, erzgeschuppt, am Eingang wachen!
Doch eh′ sich Deine Sonne niedersenket, Flammt sie noch einmal auf in voller Schöne, Daß Dich das Ende mit dem ganzen Leben, Dem marterreichen, scheidend noch versöhne! – Wo sich der Schritt zu neuer Wandrung lenket, Trägt Dich der Jubel; alle Arme streben, Dich hoch empor zu heben, Damit Italien froh des Anblicks werde! Nach Rom hin ziehst Du in Triumphesprangen; Aldobrandini eilt, Dich zu empfangen, Und Clemens spricht, der Kirchenfürst der Erde: »Wohl Andr′ empfangen Ruhm vom Lorbeerkranze, Doch trägst Du ihn, gewinnt nur an Glanze!« –
Und hin zum Kapitol will man Dich führen, Dort vor dem Volke soll der Zweig Dich schmücken: Die Glocken tönen, tausend Stimmen schallen In alle Lüfte, Jauchzen und Entzücken! Balkon′ und Fenster, alle Wege zieren Prachtvolle Decken, wo der Zug soll wallen; Was herrlich ragt vor Allen Im Weichbild Roms, zieht hin mit Klang und Spiele, Zu Sankt Onufrio′s frommem Ordenshause, Wo gastlich Dir geöffnet eine Klause Zu kurzer Rast, zum freundlichen Asyle! Es naht der Zug, zur Feier Dich zu rufen – Da sieht man Dich an der Pforte Stufen! –
Zu andrem Feste hatte Dich indessen abgerufen, der die Kränze spendet; , wenn der Tag der Herrlichkeit erschienen, Mit goldner Tuba seine Boten sendet! Zum Kapitol, nach Sonnen auszumessen, Geleiten Dich die Geister, die dort dienen Am Throne von Rubinen! – Dort wird ein Kranz die Stirne Dir umgeben, Von Lorbeer nicht, von abgewelktem, fahlen, Ein lichter Sternenkreis mit tausend Strahlen Soll Dir, verklärend, ob dem Haupte schweben; Die Erdenlieder aber, zu Akkorden Sind sie des ew′gen Lobgesanges worden! –
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Interpretation
Das Gedicht "Todtenkränze VI." von Joseph Christian von Zedlitz ist ein langes, episches Werk, das das Leben und Schicksal des italienischen Dichters Torquato Tasso erzählt. Es beginnt mit einer Reise durch Italien, bei der der Erzähler die Schönheit des Landes und seiner Städte bewundert. Dann wird Tasso vorgestellt, der als junger Mann von seiner Heimat vertrieben wird und als Flüchtling leben muss. Trotzdem entwickelt er eine tiefe Liebe zur Poesie und beginnt, eigene Werke zu schreiben. Tasso's Talent wird von den Fürstenhöfen erkannt und er wird eingeladen, an den Höfen zu dienen. Doch er fühlt sich in dieser Welt nicht wohl und sehnt sich nach der Freiheit, die ihm die Poesie bietet. Er verliebt sich in eine Dame, die er bedient, und als seine Liebe entdeckt wird, wird er in einen Turm gesperrt und als verrückt bezeichnet. Trotz seiner Qualen bleibt sein dichterisches Talent ungebrochen und seine Werke werden von der Welt bewundert. Am Ende seines Lebens wird Tasso von seinen Peinigern freigelassen und er kehrt in seine Heimat zurück. Dort wird er als großer Dichter gefeiert und erhält die Anerkennung, die ihm so lange vorenthalten wurde. Das Gedicht endet mit der Vorstellung, dass Tasso im Himmel von den Engeln empfangen wird und seinen Platz unter den großen Dichtern einnimmt.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- So, fort in klaren Luftkrystallen schwebend
- Anapher
- Und tausend Städte können, nah' und ferne, / Auf einmal überschauend wir begrüßen.
- Hyperbel
- Die mächt'ge Kuppel, stolz empor getragen / Von , der so hoch gestellet / Des Kreuzes weithin strahlend Gnadenzeichen, / Daß, um es zu erreichen, / Des stark beschwingten Adlers Flug nicht gnüget!
- Metapher
- Wo Geister der Heroen wandeln gehen, / Wenn sie hervor aus ihren Gräbern wallen
- Personifikation
- Der Tasso steigt aus Nacht der Grüfte
- Stilmittel
- Textstelle
- Vergleich
- Wie unterm Schnee das Grün der Saaten sprühet, / Die frühe Primel blühet
- Wortwiederholung
- Wo sich der Schritt zu neuer Wandrung lenket, / Trägt Dich der Jubel; alle Arme streben, / Dich hoch empor zu heben