Todtenkränze IV.
1790»Schließ′ Deine Augen!« rief der Geist. Und wieder Entrafft er mich, und trug mich durch die Lüfte Den weiten Weg zurück, den wir genommen; Tief unter mir die aufgeriss′nen Klüfte Der grauen Fluth! – Wie auf des Aars Gefieder War ich entlang dem Mittelmeer geschwommen Im Wolkenzug. – Gekommen War nun die Küste , bunt begränzet, Sie, die von Oele triefet, und im Laube Der Rebgewinde würzt die Moschustraube, Vom wolkenlosen Himmel stets beglänzet; Unfern der Mündung, wo der Wellen, Die berggebornen, sich dem Meer gesellen.
Ein Diamant im hellen, goldnen Schilde, Erglänzet mit seinen Thürmen, Und blüthenduftend liegt, wie Götterauen, Von Wettern niemals heimgesucht und Stürmen, Rings um die Stadt das selige Gefilde; Sie, eine Jungfrau, reizend anzuschauen, Ruht lächelnd an dem blauen Wasser der Rhone! Hell spinnt ihr zur Seiten Die sich, die Königin der Quellen, Und der anmuthreiche Wellen Sieht man durch dunkle Lorbeerbüsche gleiten. Ihr hundert helle Burgen, Edelsteine – – sey mir gegrüßt im Rosenscheine! –
»Sieh jenes graue Mönchenkloster ragen« – Sprach jetzt der Geist, – »von Sankt Franciscus Orden – Siehst Du′s, dort mit dem Thurm? Das ist die Stelle, Wo , die ein Stern der Liebe worden, Der herglänzt hell aus den vergangnen Tagen, Die Ruhstatt fand in dunkeler Kapelle; Vor des Altares Schwelle Liegt sie, entrafft den irdischen Beschwerden.« – Von ihrem Namen tönten alle Zungen, Ein König selbst hat ihr zum Preis gesungen! So lang′ noch Liebe wandelnd geht auf Erden, So lang′, , klingen Deine Lieder Aus jeder Brust, ein süßes Echo, wieder!
O selig Paar, wohl werth, daß man Dich neide! Wie, wer den Berg erstieg, tief in den Thalen Die Wolken schaut, indeß sein Haupt im hehren Lichte des Aethers glänzt, von goldnen Strahlen: So standet auf des Lebens Höh′n Ihr Beide, Tief unter Euch das irdische Verkehren! Ihr mochtet nicht begehren All jenen Tand, nach dem die Thoren trachten, Gehäufte Schätze, Macht, die zu erstreben Die Spanne Leben wir vergeudend geben, Den eitlen Glast, Ihr durftet ihn verachten! Umschlungen glänztet Ihr im Kern der Sonne, Hoch über Nebeln trüber Erdenwonne!
»Und dennoch sag′ ich Dir, daß mehr der Thränen Geflossen sind aus süßen Augen, Mehr Vipern an Brust gehangen, Die Ströme seines Blutes draus zu saugen, Ihn zu zerfleischen mit den gift′gen Zähnen, Als je genetzet zarte Rosenwangen, Je eine Brust umschlangen! – Der Tag des heil′gen Leidens war gekommen, Als sie zum ersten Mal sich sahn und fanden; Aus einer Liebe jenes Tags entstanden, Wie wäre da nicht bald die Qual entglommen? Ja, solch ein Band, gestählt in Lust und Schmerzen Es kann nicht früher brechen als die Herzen!«
»Und doch geschah′s, viel eher als sie starben! – Von jener Flamm′ ist Asche nur geblieben; Es hat das kurze Seyn nicht überdauert, Was doch unsterblich, ewig schien, ihr Lieben! Die tiefen Wunden heilten, wurden Narben; Der Ihn einst zum Sterben hätt′ durchschauert, Ihr Tod, ward mild betrauert, Und anderm Reiz das Auge zugewendet! – Und dieser Rausch, Wahnsinn so lang′ er währet, Durch Eures Blutes Wallungen genähret, Der, wenn er nicht mehr wächst, auch schon geendet, Der, meinst Du, sey des Lebens höchste Krone?« – So sprach der Geist, mit Mitleid halb und Hohne!
»Und wohl Euch, wenn′s so ist! Wenn mit der Helle Des Tages, die unmerklich nur verschwindet, Der Blumenkelch sich schließt, der Glanz verblühet, Der Ton verhallt, und so die Nacht sich findet, Die Ruh′ uns bringt! Wenn allgemach die Welle Des Gluthmeers, das den Himmelsraum durchsprühet, In tiefrem Roth verglühet, Und aus der Röthe sich die Schatten weben Zu immer dicht′rer, farbenlos′rer Hülle; Bis der Bewegung, der Gestalten Fülle Mit Finsterniß unkenntlich sie umgeben! Wohl, wenn′s so ist, Ihr nicht den Taumel mehret, Und frischen Trank zu neuem Rausch begehret!« –
»O, hütet Euch, setzt ihn nicht an die Lippen, Den giftigen, verhängnißvollen Becher! Ihr wißt nicht, was Ihr trinkt! o, setzt ihn nieder! Ihr wähnt umsonst, Ihr unglücksel′gen Zecher, Von seinem Rande Seligkeit zu nippen! Schon ras′t Ihr, und der Parzen grause Lieder Tönt Euer Wahnsinn wieder! – Nicht immer hat sich Liebe selbst verzehret, Verglimmend, ruhig, wie der Kerze Flimmer, Die um so schneller lischt, als hell ihr Schimmer; Weit öfter hat sie als sich zerstöret, Wenn, wie die Gaben, die Medea sandte, Ihr unheilvoll Geschenk′ zur Flamm′ entbrannte!« –
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Interpretation
Das Gedicht "Todtenkränze IV." von Joseph Christian von Zedlitz handelt von der Vergänglichkeit der Liebe und der Täuschung, die oft mit ihr einhergeht. Der Geist führt den Sprecher zu einem Ort, wo eine Frau ruht, die einst ein Symbol der Liebe war. Der Geist erzählt von ihrer Geschichte und wie ihre Liebe, die einst so stark schien, letztendlich zerbrach. Der Geist warnt den Sprecher davor, sich von der Liebe blenden zu lassen und betont, dass wahre Liebe oft von Schmerz und Leid begleitet wird. Er vergleicht die Liebe mit einem giftigen Trank, der die Menschen in den Wahnsinn treibt und letztendlich zerstört. Das Gedicht endet mit einer Warnung, sich vor der Liebe zu hüten und nicht von ihr getäuscht zu werden. Insgesamt vermittelt das Gedicht eine pessimistische Sicht auf die Liebe und warnt vor den Gefahren, die sie mit sich bringen kann. Es zeigt, dass die Liebe oft nicht das ist, was sie zu sein scheint, und dass sie letztendlich zu Schmerz und Leid führen kann.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Hyperbel
- In tiefrem Roth verglühet
- Hyperbole
- Ihr unheilvoll Geschenk' zur Flamm' entbrannte
- Metapher
- Die Gaben, die Medea sandte
- Personifikation
- »Schließ' Deine Augen!« rief der Geist.
- Vergleich
- Wenn, wie die Gaben, die Medea sandte