Todtenkränze III.

Joseph Christian von Zedlitz

1837

Und wieder fühlt′ ich schirmend mich umwallen Des Geists Gewand, mit dem er mich umwunden, Und fort mich trug auf rastlos eil′gen Schwingen! Schon war das feste Land dem Blick entschwunden, Und keine Stimme hörte man mehr schallen, Und keinen Laut des Lebens mehr erklingen! Die Einsamkeit durchdringen Kann nur der traurig gleiche Schlag der Wellen, Die, wildaufrauschend, bald der Tiefe Schrecken, Abgründe, graunvoll, auf dem Blicke decken, Bald wieder hoch wie dunkle Berge schwellen Und, gleich dem Bild furchtbarer Ewigkeiten, Unruh′ und Angst in banger Brust verbreiten.

Und ohne Ende däuchte mir die Reise, Und wechselnd sah ich′ s dunkeln bald, bald tagen! Bald zog der Morgen her mit seinen Gluthen, Und nah′ bei mir sah ich den Sonnenwagen Mit goldnen Rädern auf demantnem Gleise, Unübersehbar schienen rings die Fluthen Des weiten Meers zu bluten, Luftströme blendend mich zu überfließen; Bald wieder das Gewölk sich zu verdichten, Die Nebel thürmend sich auf Nebel schichten, Und Finsterniß sich allwärts zu ergießen; Bis ich die Greife schnauben hört′ am Zügel, Der Nacht Gespann, mit Mähn′ und Drachenflügel!

Und eben schwammen Mond herauf und Sterne, Ein milder Glanz ergoß sich in den Räumen, Den unermeßlichen, die ich durchflogen, Und Silberschimmer tanzten auf den Schäumen! Da sah ich – wie in grauer Nebelferne – Empor im einsam öden Reich der Wogen, Von Mondeslicht umflogen, Ein ragend Eiland düster sich erheben! Sind wir am Ziel? – so fragt′ ich den Begleiter. – »Bald« – gab er Antwort – »bald! nur muthig weiter!« Und lind am Strande fühlt′ ich niederschweben Den Zaubermantel, der, ein Wolkenwagen, Durch die entlegnen Bahnen uns getragen.

Ein Felsenhaupt stieg aus dem Meeresgrunde Zum Himmel einsam auf! – So weit auch immer Das müde Auge in die Wasserwüste Hinausstarrt, Meer und Meer! es endet nimmer. Und nirgend in der weiten offnen Runde Ein grüner Strand, und nirgend eine Küste, So daß man glaubt, es müßte Der Fels herabgefallen seyn vom Himmel, Und zürnend strebe Fluth, ihn fort zu spülen! Er aber lacht der Müh′ und läßt es wühlen Das brausende, ohnmächtige Getümmel; Denn hingestellt ward er, ein ew′ges Zeichen, Zum letzten aller Tage auszureichen!

Und einen Sarg sah auf dem Fels ich oben; Auf ihm ein Schwert statt allem Schmucke schimmert, Ein Lorbeer steht dabei, nach dem gerichtet Des Himmels Blitze waren; denn zertrümmert Ist und zerkracht der Stamm, einst hoch erhoben. Doch ob versehrt auch, er ist nicht vernichtet, Und helles Laub umlichtet Auch noch des Baumes abgebrochne Aeste. Und wie er auch den Stürmen preisgegeben, Sie können ihn nicht aus der Wurzel heben, Die Gott selbst eingesenkt hat in die Veste: Damit, ein Beispiel in der Weltgeschichte, Er redend zeuge, wie der Höchste richte!

Daneben lag zerstreuet auf dem Boden Ein Königszepter und zerbrochne Kronen, Und Hermelinschmuck, wie bei Herrscherleichen. Dieß Alles war vom Schicksal ohne Schonen Umhergeworfen, wie zum Hohn dem Todten. Entfärbt sah man den Purpursammt nun bleichen, Und wüst entstellt die reichen Wahrzeichen hingeschwundner Herrlichkeiten! »Soll ich die Stätte, die Du siehst, Dir nennen?« So sprach der Geist – »daß Du sie magst erkennen, Und dieses Grabes Zeichen hier Dir deuten?« – O, sprich nicht weiter! rief ich, und ein Schauer Durchfuhr mein Herz, und kaum gewagte Trauer!

So tret′ ich hier die Erde, wo zu Staube Zerfallen sollt′ Dein moderndes Gebeine, Du, dem die Welt am Boden einst gezittert?! – Nichts blieb Dir übrig von der Hoheit Scheine; Was Du besessen, ward der Zeit zum Raube, Der Purpur, der Dich deckte, ist verwittert, Die Kronen sind zersplittert, Der Lorbeer selbst vom Himmelsstrahl entzündet! Das Schwert allein, das blutige, blieb liegen Auf Deinem Sarg, den rauhe Stürme wiegen Auf diesem Keil, im öden Meer gegründet! Verlassen liegst Du hier, einsam begraben, Kein weint! – Soll geliebt Dich haben? –

Und als den schweren Abschied von dem Leben Die Seele nimmt, nach Jenseits auf der Reise, Da, wer am Lager stehe von den Deinen, Willst Du erspähn und blickst umher im Kreise! Von Allen, denen Kronen Du gegeben, Von ihnen Allen sahst, Verlaßner, Keinen Du jetzt bei Dir erscheinen, Nun Glanz und Hoheit von Dir abgefallen! – Da trat die letzte Thräne Dir in′s Auge Und netzt′ es, als sich′s schloß, mit bittrer Lauge, Die Seele störend im Hinüberwallen; Es fassen Fremde Deine Hand′ und legen Sie auf der Brust in′s Kreuz! – Wer spricht den Segen? –

»Du sagst, daß Niemand eine Thrän′ ihm zollte, Und unbeweint der Todte sey geschieden, Und doch seh′ ich Dein eignes Aug′ sich feuchten? Doch rufst Du Hohn nicht über ihn, nein, Frieden? Er, dem die Menschheit unversöhnbar grollte, Den ihre Flüche bis hieher verscheuchten, Er macht in Wehmuth leuchten Dein Angesicht?« – hört′ ich den Geist mich fragen. »Wie kommt es denn, daß Deine schwache Stimme Heraus tönt, segnend, aus dem Chor voll Grimme, Den laut der Schall weit durch die Welt getragen? Wenn Dich sein Leben, Schwacher, hat geblendet, Vergiß das Eine nicht – wie er geendet!« –

Weil mich die Welt an dieses Todten Stätte Anekelt, die erbärmliche, gemeine! Denn wie Gewürm ist sie vor ihm gekrochen, Als er noch lebte in des Glückes Scheine! Da, um die reichen Schätze Peru′s hätte Kein Mund ein lautes Wörtlein nur gesprochen; Doch nun sein Glanz gebrochen, Nun drängen sie hervor sich um die Wette, Und speien Hohn und Schmach aus auf die Manen Des alten, hingeschmetterten Titanen, Sie, die zum Prunk getragen seine Kette! Ihn hassen war erlaubt, ohnmächt′ge Rotte, Doch viel zu hoch gestellt war er dem Spotte.

Ein Wetter – sprach ich – daß die Welt sich reine, Ward er vom ew′gen Throne hergesendet, Und wohl zu kennen war′s, er ein Bote! Drum sollen, auf die Erde hingewendet Das Antlitz, betend knien im Vereine, Die ihm gezittert, als im Flammenrothe Von Gottes Zorn er drohte! Denn bis die Hand, mächt′ger als Menschenhände, Dahin ihn streckte, sie, die ihn gerufen, Nicht eher sank er von der Hoheit Stufen; Wir aber prahlen nun mit seinem Ende! – In Waffen bin ich gegen ihn gestanden, Drum mocht′ ich ihn nicht schmähn, als er in Banden.

Und ab brach ich ein Reis vom Lorbeerbaume Und barg′s an meiner Brust zum Angedenken. O, führe weiter mich, o, komm von hinnen, – Rief ich dem Geiste, – laß den Flug uns lenken Aus diesem allzuthränenwerthen Raume! Denn was ist werth noch Mitleid zu gewinnen, Werth, daß ihm Thränen rinnen, Ist′s nicht der Blick auf Jene, die gesunken Dem Arm der Rachegötter, weil, vermessen, Sie der gemeinen Sterblichkeit vergessen, Vom Uebermuthe eigner Größe trunken?! Führ′ mich von hier, fort in die fernste Ferne, Fort von der Asche ausgebrannter Sterne! –

Nicht die den blut′gen Kriegsruhm sich erbeutet, Will ich mehr schau′n, ich will sie nicht mehr preisen; Zu viele Thränen hängen an dem Kranze! Wer möchte wandeln auf so blut′gen Gleisen, Wo alle Segensblüthen ausgereutet, Zertreten sind im rauhen Kriegestanze! Mir graut vor diesem Glanze, Vor dieser dunklen, wilden Flammenröthe! Genug des Jammers drückt und trübt die Erde, Zeit ist′s, daß endlich ihr der Friede werde, Zeit, daß man segne und nicht fürder tödte! Verbergt das Schwert, die Palmen lasset wehen! Fort mit dem Kranz – ich mag ihn nicht mehr sehen.

Die laß mich preisen, die der Welt nicht achten, Und mitten im Getümmel einsam stehen, Die nichts vernehmen von der Stürme Grauen, Und nur nach süßen Sterne sehen; Nur immer ihn, und wieder ihn betrachten, Ob auch, unzählig, in dem dunkelblauen Azur der Himmelsauen Die goldnen Lichter auf und nieder wogen. O, Thoren, die nach andrem Glücke rennen! Zwei Herzen, die sich finden und erkennen, Vier Lippen an einander fest gesogen, Vier Arme, die sich wonnevoll umstricken, Was Andres braucht′s zum seligsten Entzücken?

Auf, hehrer Geist! – O, all′ die hohen Wonnen, Sie, die kein Mund, nur Thränen können loben, Zeig′ sie mir Mal nur, und wär′s im Traume! Laß mich, vom Strahl der Sehnsucht neu umwoben, Noch ein Mal schöpfen der Erinn′rung Bronnen, Den Becher leeren mit dem Perlenschaume! Daß im geweihten Raume Ich wandle mit den hohen Liebespaaren, Mit ihnen schwelg′ an ihren Göttermahlen, Mit ihnen trink′ aus goldenen Pokalen. Laß mich den Rausch der Himmlischen erfahren! Wirf Alles fort, o Herz, all′ andres Streben, Für einen Pulsschlag nur von Leben.

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Illustration zu Todtenkränze III.

Interpretation

Das Gedicht "Todtenkränze III." von Joseph Christian von Zedlitz beschreibt eine Reise des lyrischen Ichs in eine mystische, jenseitige Welt, begleitet von einem Geist. Es beginnt mit einer Fahrt über das Meer, wobei das lyrische Ich von einem schützenden Geist geleitet wird. Die Einsamkeit und die unendliche Weite des Meeres werden eindrucksvoll beschrieben, ebenso wie die wechselnden Stimmungen von Tag und Nacht. Das Gedicht erreicht seinen Höhepunkt, als das lyrische Ich eine einsame Insel erreicht, auf der sich ein Grab befindet. Dieses Grab gehört einem einst mächtigen Herrscher, der nun allein und vergessen daliegt. Die Insel wird als Symbol für die Vergänglichkeit und den Untergang großer Mächte dargestellt. Das lyrische Ich reflektiert über das Schicksal des Verstorbenen und die Gleichgültigkeit der Welt gegenüber seinem Tod. Im letzten Teil des Gedichts wendet sich das lyrische Ich von der düsteren Szene ab und sehnt sich nach einer anderen Art von Schönheit und Erfüllung. Es preist diejenigen, die inmitten des Trubels der Welt einsam und unbeachtet bleiben, und sehnt sich nach der wahren Liebe und dem innigen Zusammensein zweier Herzen. Das Gedicht endet mit einem Appell an den Geist, das lyrische Ich in die Welt der reinen Liebe und des Glücks zu führen, weg von den Schrecken des Krieges und der Vergänglichkeit.

Schlüsselwörter

bald fort mehr sah welt gen einsam laß

Wortwolke

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Stilmittel

Bildsprache
Ein milder Glanz ergoß sich in den Räumen
Hyperbel
Und ohne Ende däuchte mir die Reise
Metapher
Für einen Pulsschlag nur von Deinem Leben
Personifikation
Wirf Alles fort, o Herz, all' andres Streben
Rhetorische Frage
Soll ich die Stätte, die Du siehst, Dir nennen?
Vergleich
So daß man glaubt, es müßte Der Fels herabgefallen seyn vom Himmel