Todtenkränze II.

Joseph Christian von Zedlitz

1790

Und als er ausgeredet, da umschlingen Mich seine Arme: rings um mich gebreitet Hat er den Mantel, der in weiten Falten Uns Beid′ umhüllet! Wie ein Segel gleitet, So, durch den Raum des blauen Aethers, schwingen Wir uns von dannen, und die Wolken spalten Sich, wo den Weg wir halten. Tief unter mir konnt′ wechselnd Höhn und Auen, Und Saatgefilde, Wälder, Ströme, Brücken Und Städt′ und Weiler ich vor meinen Blicken Weit in der Landschaft hingestreuet schauen; Und endlich jene Riesenberg′ erkennen, Die alte Landesmarken trennen!

Und in der Ebne, die von goldnen Wogen Der Aehren fluthend, dunkelgrün gestreifet Von Busch und Wäldern, man sieht niederrinnen Vom Hochgebirge, – bis, wo freudig schweifet Der Elbe blaue Schlang′ in weiten Bogen Um altberühmter Schlösser hohe Zinnen – Im Thal dort, mitten innen, Erhebt die Veste von sich ragend. Zur Zeit der Taboriten lang′ erbauet, Die um den Kelch gekämpfet, und sie schauet Hin in die weite Gegend, gleichsam fragend: Was, Fremde, naht Ihr Euch hier dieser Mauer Und störet mich in meiner Wittwentrauer?

Denn wie die Wittwe mit dem Aschenkruge Birgt sie die Urne, die den Staub umschlossen Des Mannes, den, in stolzem Selbstvertrauen, Sie einst gesehn auf kriegerischen Rossen Hinschnauben, kühn, im raschen Siegesfluge. Dort ein Carthäuserkloster ist zu schauen, – Er selbst ließ es erbauen, – Wo fromme Mönche einsam, abgeschieden, Statt aller Worte sich zum Gruße sagen: »Gedenk′ an′s Ende!« – Da, als er erschlagen, Ward beigesetzt, was von ihm blieb hiernieden. Da standen nun an seinem Sarg wir eben, Deß Deckel unsichtbare Hand′ ergeben.

Und als die Truhe nun war aufgeschlossen, Lag drin ein Beingeripp′; der Schädel ruhte Auf sammtnen Kissen, und man sah ihn prangen, Den längst Entfleischten, mit dem Fürstenhute, Und seine Schläfe noch von Haar umflossen. Des Vließes Kette war ihm mit den Spangen Stolz um den Hals gehangen; Die eine Knochenhand, zur Brust erhoben, Sie hielt ein Kreuz; die andre schien zu fassen Den Feldherrnstab, als wollt′ sie ihn nicht lassen, Bis selbst die Knochen modernd nicht zerstoben. Das Bahrtuch aber, das die Todten decket, Sonst rein und weiß, hier war′s mit Blut beflecket.

»Sieh dieses Haupt, verweset und zerfallen!« – So sprach der Geist: – »Der Mann war hoch gehalten, Deß Seele dieß Gehäuse hier einst hegte. Kein König, sah man ihn wie Kön′ge schalten, Von seinem Herrscherwort die Welt erschallen! Wenn auch sein nur drohend sich bewegte, Da, stumm und lautlos, regte Kein Athem sich in dreißigtausend Kriegern; Und Helden, die den Tod mit Lachen sehen, Sie konnten nicht vor seinem Auge stehen, Wenn zürnend er entgegen trat den Siegern! – So taucht′ er auf wie blut′ge Himmelslichter, Des eignen Glückes Schöpfer und Vernichter!«

»Ein Sohn der Waffen, fern im Reich geboren, Trat plötzlich aus dem Dunkel seiner Wiege Er in des Kaiserhofes hohe Hallen; Sein Ahnrecht war sein Schwert und seine Siege! Die Fahne faßt′ er, die den Ruhm verloren, Daß, flatternd vom erstürmten Feindeswalle, Bei seines Namens Schalle, Er Glanz ihr leihe von den eignen Strahlen! Ein Heer ersteht, sobald sein Ruf erklinget, Und mit gewalt′gem Sturmesschritte dringet Er aus den heerdenreichen Moldauthalen, Von der Sudeten schneebedeckten Zinnen Bis fern zum Belt, wo salz′ge Wogen rinnen!« –

»Monarchen sieht man sich dem Wappen neigen Auf seinem Schilde, der sonst unbeachtet Und ungekannt gehangen an den Wänden; Von Fürsten wird nach seiner Gunst getrachtet, Es knirscht der Neid, doch machtlos muß er schweigen, Indeß der Herrscher ungemeßne Spenden Mit immer offnen Händen Auf diesen herrengleichen Diener häufet. Der Herzogmantel selbst kann ihm nicht gnügen, Ihm, der zum Hohen möcht′ das Höchste fügen, Und keck nach einer Königskrone greifet! Doch wie die Hand er ausstreckt, sie zu fassen, Muß Leben er zugleich und Krone lassen!«

»Den Blick erhoben in die Himmelsfernen Prüfst Du der Zeichen Bahnen und Aspekte, Und spähst wie Dein siderisch Haus gestaltet, Thor, dem die nächste Stunde sich verdeckte! Was willst Du lesen in den Lügensternen? Die Hand, die über Menschenschicksal waltet, Sie hat noch nie entfaltet Die Schleier, die das künft′ge Loos verbergen; Wir sehn es nur, wenn es sich hat vollendet! – Blick′ hinter Dich! den Stahl nach Dir gewendet, Siehst Du ihn stehn, den mordgedungnen Schergen, Der in die Brust Dir schlägt die Todeswunde? Kein Stern, Du Träumer, gab davon Dir Kunde!« –

»So sank er hin, des Ruhmes stolzer Erbe, Er, den, gefeit, kein Eisen kann verwunden, Und keine Kugel in der Schlacht erreichen! Wie schnell hat doch ein Werkzeug sich gefunden, Als es das Schicksal wollte, daß er sterbe! Nicht in dem Schmuck der Waffen, unter Leichen Der Feinde, die ihm weichen, Von seiner Hoheit Mittagglanz umlichtet, War ihm vergönnt den Siegeslauf zu schließen: Es muß sein Blut der Meuchler Hand vergießen; Kaum angeklagt, ist er auch schon gerichtet, Und so wie Einer, der die That vollbrachte, Wird er gestraft, weil er vielleicht sie – dachte!«

»Herzog von ! – Ja, er ist vergangen Der Name, den ein Einz′ger nur getragen, Und der mit ihm zugleich im Grab verklungen; Nicht blühen sollt′ er in den künft′gen Tagen Zum Ruhm des Mannes, der ihn hat empfangen, Ihn erbten Kinder nicht, von ihm entsprungen!« – Doch auf des Liedes Zungen – So rief ich – sollt′ Unsterblichkeit er finden! Geadelt von dem hohen Dichtermunde Ward die entstellte, zweifelhafte Kunde; Doppelt gereint, wird nicht sein Ruhm verschwinden! Einst kommt die Zeit, wo prüfend die Geschichte Ihn läutert, wie der Sänger im Gedichte! –

Doch glücklich? – nein! so möcht′ ich ihn nicht nennen! Die kurze Stunde Glanz, die ihm beschieden, Er kaufte sie zu allzuhohem Werthe: Sie ward bezahlt mit seines Lebens Frieden! Wie bald sah man nicht Wuth und Neid entbrennen, Wie grimme Hunde auf des Wildes Fährte; Verrath und Undank kehrte Sich gegen ihn, damit er ihn beerbe! Und so, von eignen Gluthen aufgereget, Von fremdem Sturm erfaßt und fortbeweget, War′s dringend Zeit, daß ungesäumt er sterbe! Mag er denn ruhn! Er , ihm vergeben – Schließ′ zu den Sarg! – Komm, laß uns weiter schweben.

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Illustration zu Todtenkränze II.

Interpretation

Das Gedicht "Todtenkränze II." von Joseph Christian von Zedlitz handelt von einer mystischen Reise des lyrischen Ichs mit einem Geist, der die Geschichte eines historischen Herzogs erzählt. Die Reise führt sie durch eine Landschaft, in der sie eine Burg erblicken, die der Herzog erbaut hat. Im Kloster in der Nähe der Burg wird der Leichnam des Herzogs aufgebahrt, und der Geist erzählt die Geschichte seines Lebens und seines tragischen Todes. Der Herzog wird als ein Mann von großer Macht und Einfluss beschrieben, der sich durch seine militärischen Fähigkeiten und seinen Ehrgeiz auszeichnete. Er wurde am Kaiserhofe aufgenommen und erwarb sich durch seine Siege und seinen Ruhm einen Namen. Doch sein Aufstieg war von Neid und Missgunst begleitet, und er wurde schließlich von einem Meuchelmörder ermordet. Der Geist betont die Vergänglichkeit des Ruhms und die Unberechenbarkeit des Schicksals. Er weist darauf hin, dass der Herzog trotz seines hohen Ansehens nicht glücklich war und sein Leben mit dem Verlust seines inneren Friedens erkaufte. Das Gedicht endet mit der Aufforderung, den Sarg des Herzogs zu schließen und die Reise fortzusetzen, was die Vergänglichkeit des menschlichen Lebens und die Unausweichlichkeit des Todes unterstreicht.

Schlüsselwörter

hand kein zeit einst selbst ward sah blut

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Birgt sie die Urne, die den Staub umschlossen
Hyperbel
Und seine Schläfe noch von Haar umflossen
Metapher
Laß uns weiter schweben
Personifikation
Und die Wolken spalten Sich, wo den Weg wir halten
Vergleich
Wie ein Segel gleitet