Todtenkränze I.
1837»En toutes choses ce n′est que l′émotion qui est sublime!«
Mich hatte Waldesdunkel eingeschlossen, Und in Betrachtung lag ich tief versunken, Von Bildern meiner Träume rings umwoben: Was soll, o Herz, die Gluth, von der du trunken: – So rief ich laut, und meine Thränen flossen – Was willst du denn, von Sehnsucht stets gehoben, Mit deinem wilden Toben? Verzehrst du dich, um Schatten zu erfassen, Und willst für ein Phantom von Seyn und Leben Das Leben selbst mit deinen Freuden geben! Willst du, dein eigner Feind, dich selber hassen? O, gib sie auf, die täuschenden Gestalten, Sie nur und sind nicht fest zu halten!
Nein! – tönt es wider aus der Seele Tiefen – Was dich auf Flügeln oft empor getragen, Das mit des Himmels Flammen dich durchglühet, Was dir so stürmend in der Brust geschlagen, Es waren Gottes Stimmen, welche riefen, Sein sel′ger Athem, der in dir gesprühet! Die Blumen, die erblühet, Gekeimt, gewurzelt in des Daseyns Grunde, Von jenem Strahl erwärmet und beleuchtet, Vom Thau der hohen Wehmuth angefeuchtet, Sie bricht der Sturm nicht einer bösen Stunde! Was du gefühlt, es war unsterblich Leben, Nicht Schatten, die zerrinnen und verschweben!
Des Ruhmes Eiche, die zum Himmel strebet; Der Liebe Rosen, die erglühend bluten Im grünen Blätterbrand, aus dessen Grunde Der Nachtigallen Lieder wehn und fluthen; Das schlanke Reis, das ob dem Haupte schwebet Der hohen Sänger, die mit wahrem Munde Der ew′gen Zeichen Kunde Zum süßen Klang der goldnen Harfe hauchen: Die edlen Zweige alle, umgebogen Zu Kronen, auf den Locken uns zu wogen, In Duft und Glanz die Stirne uns zu tauchen – Kränze wären nicht der Schmuck des Lebens, Und der sie fand, er lebte doch vergebens? –
Und wem sie, würdig, je die Schläfe schmücken, Er hätte nicht den Gipfel auch erstiegen Des Erdenglückes, aller ird′schen Wonnen? Es wär′ ein höh′res Ziel noch zu erfliegen, Der Brust bewahrt ein seliger Entzücken? Nein, nimmermehr! – Wie Nebel, schnell zerronnen, Durchbohrt vom Pfeil der Sonnen, Zerfließt in Nichts, was sonst mit Glanz gepranget! Seht hin! – Was einst gebrannt in lichten Farben, Wie es erbleicht, wie alle Schimmer starben, Verwesungshauch an jedem Leben hanget, Und nur allein unsterblich sich verkündet Das , das unsre Brust entzündet!
Ein Kern des Lichts fließt aus in hundert Strahlen, Die gottentflammte Abkunft zu bewähren, ist die Sonne, die das Leben Befruchtet, tränkt, und reift in allen Sphären! In welchem Spiegel sich ihr Bild mag malen, Mag sie im Liede kühn die Flügel heben, Mag Herz zu Herz sie streben, Sie sucht das stets, wie sie′s erkennet! – Längst im Gemeinen wär′ die Welt zerfallen, Längst wären ohne sie zerstäubt die Hallen Des Tempels, wo die Himmelsflamme brennet; Sie ist der Born, der ew′ges Leben quillet, Vom Leben stammt, allein mit Leben füllet. –
Was auf der Erde Großes je geschehen, Im Busen derer ist es nicht entsprossen, Die antheillos sich schaukeln auf den Wogen Der üpp′gen Lust, von hohlem Schaum umflossen! Das Auge, das die neue Welt gesehen Auf jenem andern, fernen Erdenbogen, Das durch die Nacht geflogen, Die unbekannte, die sie überdecket. Das sie gesehn, mit Wunderglanz erfüllet, Als dichte Schleier sie noch eingehüllt, Und unbeschiffte Meere sie verstecket. Das innre Auge war′s, das sie erschauet, Begeistrung war′s, vor der den Schwachen grauet!
»Wahnwitz′ger Träumer!« tönt′s in meiner Nähe, – Und wie mein Aug′ ich, thränenschwer, erhebe, Dehnt neben mir die riesenhaften Glieder Ein Schemen, grauenvoll, so daß ich bebe! Wer bist Du, rief ich, Geist, den ich hier sehe? »Der Geist des Grabes?« also tönt es wider! – »Ich kam zu Dir hernieder, Daß ich Dich führe, wo die Thoren modern, Die, so wie Du, einst träumten Lichtgedanken; Bis daß der Boden, der sie trug, zu wanken Begann, und wild die Flamm′ empor zu lodern, Die ihre Brust gefüllt. Sie hat Das Feuer, das auch sie einst treu genähret.«
»An ihren Gräbern will ich Dich dann fragen: Sind diese, die hier liegen, zu beneiden? – Du hast mit wonn- und wehmuthvollen Schauern Die Namen oft genannt, Dich dran zu weiden; Wohlan, Du sollst wahrhafte Antwort sagen, Ob sie zu neiden waren, zu betrauern, Eh′ sie in Grabesmauern Noch ausgeruht die bleichenden Gebeine! Die Kränz′ und Kronen, die so reich Dir dünken, In ihren Locken sah ich sie einst blinken, Als sie berauscht noch von dem Lebensweine! Auf, folge mir! Dann sollst Du selbst erkennen, Ob Wahrheit, was Du fühlst, ob Trug zu nennen!«
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Interpretation
Das Gedicht "Todtenkränze I." von Joseph Christian von Zedlitz ist ein innerlicher Dialog, in dem der Sprecher zwischen der Vergänglichkeit und dem Ewigen, zwischen der Leidenschaft und der Vernunft, oszilliert. Der erste Teil zeigt eine tiefe Verzweiflung über die Nichtigkeit menschlicher Bestrebungen, während der zweite Teil die Überzeugung ausdrückt, dass das, was den Menschen bewegt und begeistert, göttlichen Ursprungs ist und somit unsterblich. Der Sprecher argumentiert, dass Ruhm, Liebe und Kunst nicht vergeblich sind, sondern Ausdruck eines ewigen Lebensfeuers in der Brust. Im weiteren Verlauf des Gedichts wird der Konflikt zwischen der materialistischen Sichtweise, die alles als vergänglich ansieht, und der idealistischen Überzeugung, dass es ein höheres, unsterbliches Leben gibt, das durch Leidenschaft und Kreativität zum Ausdruck kommt, vertieft. Der Sprecher verteidigt die Idee, dass große Taten und Schöpfungen aus der Begeisterung und dem inneren Feuer des Menschen entstehen, nicht aus der Bequemlichkeit und dem Genuss des Augenblicks. Er behauptet, dass ohne diese innere Flamme die Welt in das Alltägliche zerfallen und die Tempel der Kunst und des Geistes verödet wären. Im letzten Teil des Gedichts wird der Sprecher von einer düsteren Gestalt, dem "Geist des Grabes", konfrontiert, der ihn zu den Gräbern derer führen will, die einst von Lichtgedanken träumten. Dieser Geist will ihm zeigen, dass die Leidenschaften und Bestrebungen der Verstorbenen letztlich vergeblich waren und dass das Feuer, das sie nährten, sie auch verzehrte. Der Sprecher wird aufgefordert, selbst zu erkennen, ob das, was er fühlt, Wahrheit oder Trug ist, und ob die Toten zu beneiden oder zu bedauern sind. Das Gedicht endet mit einer offenen Frage nach dem Wert und der Beständigkeit menschlicher Leidenschaften und Errungenschaften.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Was du gefühlt, es war unsterblich Leben
- Anapher
- Die Blumen, die erblühet, Gekeimt, gewurzelt in des Daseyns Grunde
- Apostrophe
- O, gib sie auf, die täuschenden Gestalten
- Bildsprache
- Die Blumen, die erblühet, Gekeimt, gewurzelt in des Daseyns Grunde
- Enjambement
- Was soll, o Herz, die Gluth, von der du trunken: – / So rief ich laut, und meine Thränen flossen –
- Hyperbel
- Des Ruhmes Eiche, die zum Himmel strebet
- Kontrast
- Nicht Schatten, die zerrinnen und verschweben!
- Metapher
- Des Ruhmes Eiche, die zum Himmel strebet
- Metonymie
- Des Ruhmes Eiche
- Personifikation
- Die Blumen, die erblühet
- Rhetorische Frage
- Was soll, o Herz, die Gluth, von der du trunken: –
- Symbolik
- Die Blumen, die erblühet
- Synästhesie
- Mit wonn- und wehmuthvollen Schauern
- Vergleich
- Wie Nebel, schnell zerronnen