Todesgedanken im Frühling
1777Welche Stimme schallet Vom Gebirg und wallet Um mein lauschend Ohr; Welche Silbertöne Rufen: »meine Schöne Auf! und tritt hervor.« Schaue nur, Wie die Natur Sich in ihrer Pracht erhebet Und auf′s neue lebet.
Schnee und Regengüsse Sind dahin. Die Flüsse Wandeln ihren Lauf Komm aus deiner Hütte, Unter deinem Schritte Sprossen Blumen auf. Komm und schau Den Morgenthau Tausend goldne Sonnenstrahlen Auf die Veilchen malen.
Balsamreiche Düfte Schwimmen durch die Lüfte; Denn der Weinstock blüht Hör! die Turteltaube Girrt aus jener Laube Dir ein Frühlingslied. Auf! der Mal Flieht sonst vorbei. Sieh, die Feigenbäume zeigen Knoten an den Zweigen.
Meiner Jugend Leiter, Freund, o rede weiter; Denn ich höre gern. Doch die Stimme schweiget Und der Fühling zeiget Spuren seines Herrn. Wo Er war, Seh′ ich ein paar Junge Frühlingsrosen blühen, Die wie Sterne glühen.
Aus dem Erdenschooße Schallt von jeder Rose Gottes Ruhm hinauf. Kleine Sänger schlüpfen In den Busch und hüpfen Jubilrend auf. - Wo die Pracht Des Frühlings lacht, Auf dem Schauplatz von Vergnügen Sollen Todte liegen?
Grabgedanken, härter, Schneidender als Schwerter Fahrt ihr durch mein Herz. Arme Frühlingsscenen, Hemmt ihr meine Thränen, Stillt ihr meinen Schmerz? Nur das Wort Ist schon ein Mord: Unter jenem grünen Haine Liegen Todtenbeine.
Alles um mich lebet, Jener Baum erhebet Schön sein Blüthenhaupt. Aber seine Kräfte Und sein Schmuck sind Säfte, Die er Menschen raubt. Blume hier, Wer konnte dir Die Tyrannenfreiheit schenken, Menschenblut zu trinken?
Gott hat′s ihr gegeben, Und die Bäum′ erheben Auf sein Wort ihr Haupt. Einst nach diesem Leben Müssen sie uns geben, Was sie uns geraubt. Sterb′ auch ich, Dann heben sich Ueber meiner todten Hülle Blumen auch in frischer Fülle.
Komm du junge Schöne, Meine Todestöne Wallen sanft dir zu. Schau, im Frühlingswetter Fallen Rosenblätter Und so fällst auch du. Brich sie ab, Auf jenem Grab Stehen sonnenrothe Nelken, Die wie du verwelken.
Seht nun auf ihr Blicke, Dahin, wo mein Glücke Aus den Wolken lacht. Dort auf jenem Sterne Wohn′ ich einst und lerne Schöpfer, deine Macht. Seele auf! Zu Gott hinauf! Dort wird es in jeden Kreisen Ewig Frühling heißen.
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Interpretation
Das Gedicht "Todesgedanken im Frühling" von Christian Friedrich Daniel Schubart ist eine tiefgründige Auseinandersetzung mit dem Thema Tod und Vergänglichkeit im Kontext des Frühlings als Symbol für Leben und Wiedergeburt. Der Sprecher wird von einer geheimnisvollen Stimme aus den Bergen aufgefordert, die Schönheit der Natur zu betrachten und sich aus seiner Hütte zu erheben. Der Frühling wird als eine Zeit der Erneuerung und des Wachstums dargestellt, in der die Natur ihre Pracht entfaltet und neues Leben entsteht. Im zweiten Teil des Gedichts wird der Kontrast zwischen der lebendigen Natur und dem Tod deutlich. Der Sprecher reflektiert über die Vergänglichkeit des Lebens und die Unausweichlichkeit des Todes. Er fragt sich, ob die Frühlingsszenen seine Tränen stillen und seinen Schmerz lindern können. Die Vorstellung von Toten, die unter der Pracht des Frühlings liegen, wirft einen düsteren Schatten auf die Schönheit der Natur. Im dritten Teil des Gedichts geht der Sprecher auf die Beziehung zwischen Mensch und Natur ein. Er betrachtet die Bäume und Blumen als Wesen, die ihre Kraft und Schönheit aus dem Menschen rauben. Doch er erkennt auch, dass Gott ihnen diese Fähigkeit gegeben hat und dass sie ihm eines Tages das zurückgeben werden, was sie ihm genommen haben. Der Sprecher selbst wird sterben und über seiner toten Hülle werden Blumen in frischer Fülle erblühen. Im letzten Teil des Gedichts richtet sich der Sprecher an eine junge Schöne und lädt sie ein, die Vergänglichkeit des Lebens zu erkennen. Er vergleicht den Fall der Rosenblätter mit ihrem eigenen Tod und weist darauf hin, dass auch sie wie die Nelken auf dem Grab welken wird. Der Sprecher blickt jedoch über den Tod hinaus und sehnt sich danach, im Himmel bei Gott zu sein, wo es ewig Frühling heißen wird. Das Gedicht endet mit einem Aufruf an die Seele, sich zu Gott hinaufzuschwingen und die Schönheit des ewigen Lebens zu erkennen.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Bildsprache
- Dort wird es in jeden Kreisen Ewig Frühling heißen
- Metapher
- Die wie du verwelken
- Personifikation
- Seele auf! Zu Gott hinauf
- Rhetorische Frage
- Blume hier, Wer konnte dir Die Tyrannenfreiheit schenken, Menschenblut zu trinken?