Tischlied

Johann Wolfgang von Goethe

1832

Mich ergreift, ich weiß nicht wie, Himmlisches Behagen. Will mich′s etwa gar hinauf Zu den Sternen tragen? Doch ich bleibe lieber hier, Kann ich redlich sagen, Beim Gesang und Glase Wein Auf den Tisch zu schlagen.

Wundert euch, ihr Freunde, nicht, Wie ich mich gebärde; Wirklich ist es allerliebst Auf der lieben Erde. Darum schwör ich feierlich Und ohn alle Fährde, Daß ich mich nicht freventlich Wegbegeben werde.

Da wir aber allzumal So beisammen weilen, Dächt ich, klänge der Pokal Zu des Dichters Zeilen. Gute Freunde ziehen fort, Wohl ein Hundert Meilen; Darum soll man hier am Ort Anzustoßen eilen.

Lebe hoch, wer Leben schafft! Das ist meine Lehre. Unser König denn voran, Ihm gebührt die Ehre. Gegen inn- und äußern Feind Setzt er sich zur Wehre; Ans Erhalten denkt er zwar, Mehr noch, wie er mehre.

Nun begrüß′ ich sie sogleich, Sie, die einzig Eine. Jeder denke ritterlich Sich dabei die Seine. Merket auch ein schönes Kind, Wen ich eben meine, Nun, so nicke sie mir zu: “Leb′ auch so der Meine!”

Freunden gilt das dritte Glas, Zweien oder dreien, Die mit uns am guten Tag Sich im stillen freuen, Und der Nebel trübe Nacht Leis und leicht zerstreuen; Diesen sei ein Hoch gebracht, Alten oder neuen.

Breiter wallet nun der Strom, Mit vermehrten Wellen. Leben jetzt im hohen Ton Redliche Gesellen! Die sich mit gedrängter Kraft Brav zusammenstellen In des Glückes Sonnenschein Und in schlimmen Fällen.

Wie wir nun zusammen sind, Sind zusammen viele. Wohl gelingen denn, wie uns, Andern ihre Spiele! Von der Quelle bis an′s Meer Mahlet manche Mühle, Und das Wohl der ganzen Welt Ist′s, worauf ich ziele.

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Illustration zu Tischlied

Interpretation

Das Gedicht "Tischlied" von Johann Wolfgang von Goethe ist ein Festgedicht, das die Freude am Leben und die Verbundenheit unter Freunden feiert. Der Sprecher drückt seine tiefe Zufriedenheit mit dem irdischen Dasein aus, symbolisiert durch das Beisammensein am Tisch mit Gesang und Wein. Er schwört, sich nicht leichtfertig von dieser Welt zu entfernen, und betont die Wichtigkeit, den gegenwärtigen Moment zu genießen. Das Gedicht ist in sechs Strophen gegliedert, wobei jede Strophe einen anderen Aspekt des feierlichen Zusammenseins thematisiert. In der ersten Strophe beschreibt der Sprecher ein himmlisches Behagen, das ihn ergreift, doch entscheidet er sich, lieber hier zu bleiben und die Gesellschaft sowie den Wein zu genießen. Die zweite Strophe richtet sich an die Freunde, die sich über sein Verhalten wundern könnten, und versichert ihnen, dass das Leben auf der Erde wirklich herrlich ist. Die dritte Strophe schlägt vor, den Pokal zu erheben und auf den Dichter anzustoßen, da gute Freunde oft weit entfernt sind und man die Gelegenheit nutzen sollte, gemeinsam zu feiern. Die vierte Strophe widmet sich dem König, der als Symbol für Führung und Schutz steht. Der Sprecher preist den König dafür, dass er sich gegen innere und äußere Feinde zur Wehr setzt und an das Erhalten und Mehren denkt. In der fünften Strophe begrüßt der Sprecher die "einzige Eine", was sich auf eine geliebte Person beziehen könnte, und fordert jeden auf, an seine eigene Liebe zu denken. Die sechste Strophe widmet sich den Freunden, die still mitfeiern und den Nebel der trüben Nacht zerstreuen, und wünscht ihnen ein Hoch. Das Gedicht schließt mit einer Reflexion über die Gemeinschaft und das gemeinsame Glück. Der Sprecher betont, dass viele zusammen stärker sind und dass das Wohl der ganzen Welt das Ziel ist. Die Metapher des Flusses, der breiter wird und mehr Wasser führt, symbolisiert das Wachstum und die Stärke der Gemeinschaft. Das Gedicht ist eine Ode an das Leben, die Freundschaft und die Freude am gemeinsamen Feiern, die alle Grenzen überwindet und das Wohl der Gemeinschaft in den Vordergrund stellt.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Anapher
Mich ergreift, ich weiß nicht wie, Himmlisches Behagen. Will mich's etwa gar hinauf Zu den Sternen tragen?
Apostrophe
Da wir aber allzumal So beisammen weilen, Dächt ich, klänge der Pokal Zu des Dichters Zeilen.
Chiasmus
Leben jetzt im hohen Ton Redliche Gesellen!
Epipher
Leben jetzt im hohen Ton Redliche Gesellen!
Hyperbel
Gute Freunde ziehen fort, Wohl ein Hundert Meilen;
Metapher
Wundert euch, ihr Freunde, nicht, Wie ich mich gebärde; Wirklich ist es allerliebst Auf der lieben Erde.
Parallelismus
Da wir aber allzumal So beisammen weilen, Dächt ich, klänge der Pokal Zu des Dichters Zeilen.
Personifikation
Lebe hoch, wer Leben schafft! Das ist meine Lehre.
Rhetorische Frage
Mich ergreift, ich weiß nicht wie, Himmlisches Behagen. Will mich's etwa gar hinauf Zu den Sternen tragen?