Till
1731Der Narr, dem oft weit minder Witz gefehlt Als vielen, die ihn gern belachen, Und der vielleicht, um andre klug zu machen, Das Amt des Albernen gewählt; (Wer kennt nicht Tills berühmten Namen?) Till Eulenspiegel zog einmal Mit andern über Berg und Tal. So oft als sie zu einem Berge kamen, Ging Till an seinem Wanderstab Den Berg ganz sacht und ganz betrübt hinab; Allein wenn sie berganwärts stiegen, War Eulenspiegel voll Vergnügen. “Warum”, fing einer an, “gehst du bergan so froh? Bergunter so betrübt?” - “Ich bin”, sprach Till, “nun so. Wenn ich den Berg hinunter gehe: So denk’ ich Narr schon an die Höhe, Die folgen wird, und da vergeht mir denn der Scherz; Allein wenn ich berganwärts gehe: So denk’ ich an das Tal, das folgt, und fass’ ein Herz.”
Willst du dich in dem Glück nicht ausgelassen freun, Im Unglück nicht unmäßig kränken: So lern’ so klug wie Eulenspiegel sein, Im Unglück gern ans Glück, im Glück ans Unglück denken.
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Interpretation
Das Gedicht "Till" von Christian Fürchtegott Gellert erzählt von Till Eulenspiegel, einer historischen Figur, die als Narr bekannt ist. Till reist mit anderen über Berge und Täler. Auffällig ist sein Verhalten beim Auf- und Abstieg: Er geht bergab langsam und betrübt, während er bergauf voller Vergnügen ist. Als ihn einer nach dem Grund fragt, erklärt Till, dass er beim Abstieg an den bevorstehenden Aufstieg denkt und dadurch der Spaß vergeht. Beim Aufstieg hingegen denkt er an das folgende Tal, was ihm Mut gibt. Das Gedicht nutzt Tills Verhalten als Metapher für eine Lebensweisheit. Es rät dazu, sich im Glück nicht zu sehr auszutoben und im Unglück nicht übermäßig zu leiden. Stattdessen soll man, wie Eulenspiegel, im Unglück an das kommende Glück denken und im Glück an das mögliche Unglück. Diese ausgewogene Denkweise hilft, emotionale Extreme zu vermeiden und ein stabileres, ausgeglicheneres Leben zu führen. Die Moral der Geschichte liegt in der Fähigkeit, vorausschauend zu denken und sich mental auf kommende Situationen vorzubereiten. Indem man die Wechselhaftigkeit des Lebens akzeptiert und sich mental auf Höhen und Tiefen vorbereitet, kann man ein ausgeglicheneres und zufriedeneres Leben führen. Das Gedicht ermutigt dazu, die Weisheit Eulenspiegels zu übernehmen und in allen Lebenslagen einen kühlen Kopf zu bewahren.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Berg und Tal
- Bildsprache
- Mit andern über Berg und Tal
- Ironie
- Wer kennt nicht Tills berühmten Namen?
- Kontrast
- Berganwärts stiegen, war Eulenspiegel voll Vergnügen
- Metapher
- Das Amt des Albernen
- Parallelismus
- Im Unglück nicht unmäßig kränken: So lern' so klug wie Eulenspiegel sein
- Personifikation
- Der Narr, dem oft weit minder Witz gefehlt
- Rhetorische Frage
- Warum, fing einer an, gehst du bergan so froh? Bergunter so betrübt?