Tiefer Brunnen

Paul Heyse

1924

Verschließ dich nur, du schöner Mund, Verbirg dich, tiefes Herz, mit Fleiß: Der Rechte kommt zur rechten Stund’, Der Mund und Herz zu lösen weiß.

Gedenk’ ich dein, kommt mir zu Sinn Die Sage von der alten Stadt. Ein tiefer Brunnen lag darin, Drauß keiner noch getrunken hatt'.

Er war so tief, so wundertief, Ließ man ein Becherlein hinab, Der Faden viele Stunden lief Und reichte doch den Grund nicht ab.

Da kam des Wegs ein Musikant, Der sah den Brunn und trat herzu Und nahm sein Geigenspiel zur Hand Und spielt’ ein Stück und sang dazu.

Und horch, da rauscht’ es tief und voll Und wogt’ herauf und sprudelt’ klar, Und lieblich kühl Gewässer schwoll Empor zum Rande wunderbar.

Der Spielmann trank nach Herzgelüst, Da war gelöst der dunkle Bann. Wer dich so zu ersingen wüßt’, Ach, wäre wohl ein sel’ger Mann!

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Illustration zu Tiefer Brunnen

Interpretation

Das Gedicht "Tiefer Brunnen" von Paul Heyse erzählt von einem tiefen Brunnen, der sich nicht öffnen will. Der Brunnen symbolisiert eine schöne, aber verschlossene Frau, deren Mund und Herz nur der Richtige zur rechten Zeit öffnen kann. Der Sprecher erinnert sich an eine Sage von einer alten Stadt, in der ein tiefer Brunnen lag, aus dem noch niemand getrunken hatte. Der Brunnen war so tief, dass selbst ein Becher, der daran hinabgelassen wurde, den Grund nicht erreichte. Ein Musikant kam vorbei und spielte auf seiner Geige und sang dazu. Durch die Musik öffnete sich der Brunnen und das Wasser sprudelte klar und kühl hervor. Der Spielmann trank nach Herzenslust und der Bann war gelöst. Der Sprecher wünscht sich, dass jemand kommen möge, der die verschlossene Frau durch seine Kunst und Zärtlichkeit ebenso zum Aufblühen bringen kann wie der Spielmann den Brunnen. Das Gedicht ist eine Metapher für die Macht der Liebe und der Kunst, verschlossene Herzen zu öffnen. Der Sprecher sehnt sich danach, dass auch seine Angebetete sich ihm öffnet und ihre Liebe zu ihm fließt wie das Wasser aus dem Brunnen. Das Gedicht vermittelt eine romantische und hoffnungsvolle Stimmung, auch wenn die Geliebte noch unnahbar scheint.

Schlüsselwörter

mund herz kommt tief verschließ schöner verbirg tiefes

Wortwolke

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Stilmittel

Anspielung
Die Sage von der alten Stadt
Hyperbel
Ach, wäre wohl ein sel'ger Mann!
Kontrast
Drauß keiner noch getrunken hatt'
Metapher
nahm sein Geigenspiel zur Hand
Onomatopoesie
da rauscht' es tief und voll
Personifikation
Wasser schwoll empor zum Rande wunderbar
Symbolik
Ein tiefer Brunnen lag darin