Thränengrund
1790»Sangst Du immer nur von Thränen Und von unbeglücktem Herzen, Sind Dir denn nie Freuden worden, Immer Qualen nur und Schmerzen?«
»Hast Du nie ein Herz gefunden, Das geneigt, Dich zu verstehen? Ist Dir nie von schönen Frauen, Armer Sänger, Huld geschehen?«
»Oder hat ein andrer Kummer Dir getrübt die Jugendtage? Wie’s wohl oft sich sonst ereignet, Denn die Welt ist voller Plage!«
»»Nichts von allem, liebe Brüder! Oben war der Himmel helle – Unten grün die Flur und, dürstend, Traf ich immer eine Quelle.««
»»Sterne hab’ ich auch gefunden, Die mich freundlich angeblicket, Rosen und Jasminen haben Oft geblendet und erquicket!««
»»So auch haben Lockenwellen Niederströmend mich umspület, Und ich hab’ die goldnen Wogen Wie ein Schwimmer oft durchwühlet.««
»»Nieder oft den Damm gerissen, Der die reiche Fluth umschlossen, Daß sie rings auf Schneegefilde, Ueberschwemmend, sich ergossen.««
»»Augen, Lippen, Brust und Haare, Aller Schönheit Zier und Krone, War mir liebend Preis gegeben, Mir gewährt zu süßem Lohne!««
»»Und es haben weiße Hände Oft mir liebevoll geschmeichelt, Und mit zärtlichem Behagen Sanft die Wange mir gestreichelt.««
»Waffen hab’ ich auch getragen; In den edlen Sänger-Orden Bin ich gleichfalls eingetreten, Nirgends ist mir Schmach geworden.««
»»Bin der Erste nicht gewesen, Und auch nicht der Letzte eben; In der Mitte ging ich meistens, Mocht’ auch manchmal vorwärts streben.««
»»Manches, deß ich mich verwogen, Könnt’ ein Andrer nicht erreichen; Oft auch mußt’ ich, weit vom Ziele, Wieder einem Stärkern weichen.««
»»Doch die Besten allerwege Sahn mich gern in ihrem Kreise; Konnt’ ich’s ihnen gleich nicht machen, Liebten sie doch meine Weise!««
»Ei nun! – was Du hier erzählest, Sänger, klingt ja nicht so schaurig; Warum also so viel Thränen, Warum sangst Du denn so traurig?«
»Frauen sind Dir hold gewesen, Waffen hast Du auch geschwungen, Männer mochten wohl Dich leiden, Und manch Lied ist Dir gelungen?«
»Was denn hattest Du zu klagen, Sprachst von Sehnen nur und Thränen, Reimtest Herzen stets mit Schmerzen; Niemand konnt’ Dich glücklich wähnen!«
»»Schwer kann ich mir’s selbst erklären, Und doch hab’ ich sie vergossen; Sprach ich Euch von heißen Thränen, Sind sie mir vom Aug’ geflossen.««
»»Dieß ist ja das Glück der Jugend, Daß sie ohne Grund kann weinen, Und aus vollem Herzen lachen, Bei den allerherbsten Peinen.««
»»Und Ihr wißt ja, lieben Freunde, Dann ist stets die Saat gesegnet, Wenn’s im Mai, bei warmen Tagen, Recht oft bei Gewittern regnet.««
»»Und stets wächst das Grün am schönsten An der Brunnen frischen Quellen, Und die Blumen blühn am vollsten An den feuchten Wiesenstellen.«« –
»»Zwar bin ich nun Mann geworden, Und ich sing’ jetzt andre Lieder; Doch der Mai auch ist vergangen, Und die Jugend kehrt nicht wieder!««
»»Also triefen junge Bäume Ueber gern von süßem Safte; Doch er stockt zu dickem Harze In dem rauhern, ältern Schafte.««
Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Interpretation
Das Gedicht "Thränengrund" von Joseph Christian von Zedlitz ist ein Dialog zwischen einem Sänger und seinen Freunden. Der Sänger wird von seinen Freunden gefragt, warum er immer nur von Tränen und unglücklichem Herzen singt. Sie fragen ihn, ob er nie Freude oder Liebe erfahren hat, ob er von schönen Frauen Huld erfahren hat oder ob er andere Kümmernisse hatte, die seine Jugend getrübt haben. Der Sänger antwortet, dass er alles hatte, was man sich wünschen kann. Er hatte einen hellen Himmel über sich, grüne Felder unter sich und traf immer eine Quelle, wenn er durstig war. Er fand Sterne, die ihn freundlich anblickten, und Rosen und Jasminen, die ihn blendeten und erfrischten. Er schwamm in Lockenwellen und hatte Waffen getragen. Er war in den edlen Sängerorden eingetreten und wurde von den Besten aller gerne in ihrem Kreis gesehen. Frauen waren ihm hold, und er hatte viele Lieder geschrieben. Trotz all dieser Freuden und Erfolge hat der Sänger immer wieder Tränen vergossen und von Sehnsucht und Schmerz gesungen. Er selbst kann sich nicht erklären, warum er das getan hat. Er sagt, dass es das Glück der Jugend ist, ohne Grund weinen zu können, und dass die Saat gesegnet ist, wenn es im Mai bei warmen Tagen oft bei Gewittern regnet. Er vergleicht sich mit jungen Bäumen, die gerne von süßem Saft triefen, aber mit zunehmendem Alter stockt der Saft zu dickem Harz im rauheren, älteren Schaft. Das Gedicht endet damit, dass der Sänger sagt, dass er jetzt ein Mann geworden ist und andere Lieder singt. Doch der Mai ist vorbei, und die Jugend kehrt nicht wieder. Das Gedicht ist eine Reflexion über die Vergänglichkeit der Jugend und die unerklärlichen Emotionen, die in dieser Zeit aufkommen können.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Anapher
- Die Wiederholung von »Nichts von allem, liebe Brüder!« und »Oder hat ein andrer Kummer« am Anfang aufeinanderfolgender Strophen.
- Bildsprache
- Die Verwendung von Naturbildern wie »Oben war der Himmel helle – Unten grün die Flur und, dürstend, Traf ich immer eine Quelle.«
- Kontrast
- Der Gegensatz zwischen den Fragen nach Trauer und den Antworten, die von Glück und Schönheit handeln.
- Metapher
- Die Metapher vom Sänger als Schwimmer, der durch goldene Wellen schwimmt: »Und ich hab' die goldnen Wogen Wie ein Schwimmer oft durchwühlet.«
- Personifikation
- Die Personifikation der Sterne, die den Sänger freundlich anblicken: »Sterne hab' ich auch gefunden, Die mich freundlich angeblicket.«
- Symbolik
- Die Verwendung von Tränen als Symbol für die Emotionen und Erfahrungen des Sängers.
- Vergleich
- Der Vergleich der Jugend mit dem Mai und dem Wachstum der Natur: »Und Ihr wißt ja, lieben Freunde, Dann ist stets die Saat gesegnet, Wenn's im Mai, bei warmen Tagen, Recht oft bei Gewittern regnet.«
- Wiederholung
- Die Wiederholung von »Thränen« und »Herzen« in den Fragen und Antworten.
- Zitat
- Die Verwendung von Anführungszeichen, um die Fragen und Antworten voneinander zu unterscheiden.