Thränen in schwerer Krankheit

Andreas Gryphius

1640

Mir ist, ich weiß nicht wie, ich seufze für und für. Ich weine Tag und Nacht; ich sitz’ in tausend Schmerzen; Und tausend fürcht’ ich noch; die Kraft in meinem Herzen Verschwindt, der Geist verschmacht’, die Hände sinken mir.

Die Wangen werden bleich, der muntern Augen Zier Vergeht gleich als der Schein der schon verbrannten Kerzen. Die Seele wird bestürmt, gleich wie die See im Märtzen. Was ist dies Leben doch, was sind wir, ich und ihr?

Was bilden wir uns ein, was wünschen wir zu haben? Itzt sind wir hoch und groß, und morgen schon vergraben; Itzt Blumen, morgen Kot. Wir sind ein Wind, ein Schaum,

Ein Nebel und ein Bach, ein Reif, ein Tau, ein Schatten; Itzt was und morgen nichts. Und was sind unsre Taten Als ein mit herber Angst durchmischter Traum.

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Illustration zu Thränen in schwerer Krankheit

Interpretation

Das Gedicht "Thränen in schwerer Krankheit" von Andreas Gryphius thematisiert die Vergänglichkeit des Lebens und die menschliche Existenz im Angesicht von Krankheit und Tod. Gryphius beschreibt seine eigenen körperlichen und seelischen Zustände während einer schweren Krankheit. Er fühlt sich überwältigt von Schmerz und Angst, während seine Kräfte schwinden und seine Lebensfreude vergeht. Das Gedicht reflektiert über die Fragilität des menschlichen Lebens und die Vergänglichkeit aller irdischen Dinge. Gryphius verwendet verschiedene Metaphern und Vergleiche, um die Vergänglichkeit des Lebens zu verdeutlichen. Er vergleicht das Leben mit vergänglichen Dingen wie einer brennenden Kerze, dem Frühlingsmeer oder vergänglichen Naturerscheinungen wie Wind, Schaum, Nebel, Bach, Reif, Tau und Schatten. Diese Bilder betonen die Flüchtigkeit und Unbeständigkeit des Lebens. Gryphius stellt die Frage nach dem Sinn und Wert menschlicher Taten angesichts der Vergänglichkeit und vergleicht sie mit einem Traum, der von Angst durchzogen ist. Das Gedicht vermittelt eine tiefe Melancholie und Resignation angesichts der Endlichkeit des Lebens. Gryphius reflektiert über die menschliche Existenz und stellt die Bedeutung und den Wert unserer Handlungen in Frage. Die Krankheit dient als Katalysator für diese Reflexionen und verstärkt das Bewusstsein für die Vergänglichkeit. Gryphius fordert den Leser auf, über die eigene Sterblichkeit nachzudenken und den wahren Wert des Lebens zu erkennen.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Antithese
Itzt was und morgen nichts
Hyperbel
Ich weine Tag und Nacht
Metapher
Und was sind unsre Taten Als ein mit herber Angst durchmischter Traum
Parallelismus
Itzt sind wir hoch und groß, und morgen schon vergraben; Itzt Blumen, morgen Kot
Personifikation
Die Kraft in meinem Herzen verschwindet
Rhetorische Frage
Was ist dies Leben doch, was sind wir, ich und ihr?
Vergleich
Die Wangen werden bleich, der muntern Augen Zier vergeht gleich als der Schein der schon verbrannten Kerzen