Thränen des Vaterlandes

Andreas Gryphius

1624

Wir sind doch nunmehr ganz, ja mehr denn ganz verheeret! Der frechen Völker Schar, die rasende Posaun Das vom Blut fette Schwert, die donnernde Karthaun Hat aller Schweiß, und Fleiß, und Vorrat aufgezehret.

Die Türme stehn in Glut, die Kirch’ ist umgekehret. Das Rathaus liegt im Graus, die Starken sind zerhaun, Die Jungfern sind geschänd’t, und wo wir hin nur schaun Ist Feuer, Pest, und Tod, der Herz und Geist durchfähret.

Hier durch die Schanz und Stadt rinnt allzeit frisches Blut. Dreimal sind schon sechs Jahr, als unser Ströme Flut Von Leichen fast verstopft, sich langsam fort gedrungen.

Doch schweig ich noch von dem, was ärger als der Tod, Was grimmer denn die Pest, und Glut und Hungersnot, Daß auch der Seelen Schatz so vielen abgezwungen.

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Illustration zu Thränen des Vaterlandes

Interpretation

Das Gedicht "Thränen des Vaterlandes" von Andreas Gryphius ist ein eindringliches Klagegedicht über die Verwüstungen des Dreißigjährigen Krieges. Gryphius schildert die Zerstörung und das Leid, das der Krieg über das Land gebracht hat. Er beschreibt, wie die "frechen Völker Schar" mit ihren Waffen und Kriegsmaschinen alles zerstört haben, was die Menschen aufgebaut und erarbeitet haben. Die Bilder von brennenden Türmen, umgestürzten Kirchen und zerstörten Rathäusern verdeutlichen die physische Zerstörung. Gleichzeitig werden die menschlichen Tragödien angesprochen: geschändete Jungfrauen, Tod und Pest, die Herz und Geist durchfahren. Gryphius betont die anhaltende Brutalität des Krieges, indem er darauf hinweist, dass durch Schanzen und Städte ständig frisches Blut fließt. Die Erwähnung, dass Flüsse fast durch Leichen verstopft sind, unterstreicht das Ausmaß des Sterbens. Der Dichter deutet an, dass das, was er noch nicht erwähnt hat, noch schlimmer ist als der Tod selbst, schlimmer als Pest, Feuer und Hunger. Damit spielt er auf die geistigen und seelischen Verwüstungen an, die der Krieg verursacht hat. Das Gedicht ist eine kraftvolle Anklage gegen den Krieg und seine verheerenden Auswirkungen auf Mensch und Landschaft. Gryphius verwendet eindringliche Bilder und eine düstere Stimmung, um die tiefe Trauer und den Schmerz über das Leid des Vaterlandes auszudrücken. Es ist ein zeitloses Mahnmal gegen die Grausamkeit des Krieges und die Zerstörung, die er über die Menschen bringt.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Hyperbel
Wir sind doch nunmehr ganz, ja mehr denn ganz verheeret
Metapher
Der Seelen Schatz
Personifikation
Die rasende Posaun