Thorwaldsens Ganymed und der Adler

Friedrich Hebbel

1854

Knabe, süßer, wunderbarer, Unterm Kuß des Zeus gereift, Blüte, die in leuchtend-klarer Schönheit nie der Wind gestreift:

Sorgsam tränkst du und ästhetisch, Wenn auch halb gelangeweilt, Hier den Aar, der gravitätisch Schmaust und wenig sich beeilt.

Mancher würde ungeduldig, Und er hätte Grund genug, Doch du denkst: Ich bin′s ihm schuldig, Weil er zum Olymp mich trug;

Weil er schnell, mich fester fassend, In die Wolken mich entrückt, Als ich, schwindelnd und erblassend, Unter mich hinabgeblickt;

Ja, weil er sogar die Klauen Unterm Fittich-Paar verhüllt, Die mich fast mit größerm Grauen, Als der Abgrund selbst, erfüllt.

Solltest doch ins Ohr ihm raunen: Spute dich zu deinem Heil; Denn schon wölkte Zeus die Braunen, Und - da fällt der Donnerkeil!

Auf, mein Vogel, dienstbeflissen! Wie du auch das Auge rollst! Du, o Knabe, wirst schon wissen, Wo du dich erholen sollst!

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Illustration zu Thorwaldsens Ganymed und der Adler

Interpretation

Das Gedicht "Thorwaldsens Ganymed und der Adler" von Friedrich Hebbel thematisiert die mythologische Szene von Zeus, der sich als Adler verwandelt, um den schönen Jüngling Ganymed auf den Olymp zu entführen. Der Dichter beschreibt Ganymed als eine "Blüte", die unter dem "Kuß des Zeus" gereift ist, und betont seine ästhetische Schönheit, die nie vom Wind gestreift wurde. Ganymed füttert den Adler mit Sorgfalt und Ästhetik, obwohl er halb gelangweilt ist, während der Adler gravitätisch schmaust und sich wenig beeilt. In den folgenden Strophen reflektiert Ganymed über seine Situation und empfindet Dankbarkeit gegenüber dem Adler, da dieser ihn zum Olymp getragen hat. Er erinnert sich an den Moment, als er von den Wolken umgeben war, schwindelig und erblassend nach unten blickte, und an die Klaue des Adlers, die er unter dem Fittich-Paar verborgen sah und die ihn fast mehr erschreckte als der Abgrund selbst. Ganymed fühlt sich dem Adler verpflichtet und denkt, dass er ihm das Füttern schuldig ist. Die letzte Strophe enthält eine Warnung an den Adler, sich zu beeilen, da Zeus seine Brauen runzelt und der Donnerkeil fallen könnte. Der Dichter appelliert an den Vogel, dienstbeflissen zu sein, und an Ganymed, zu wissen, wo er sich erholen soll. Das Gedicht vermittelt eine Mischung aus Dankbarkeit, Angst und dem Wunsch nach Erlösung aus der Situation, in der sich Ganymed befindet.

Schlüsselwörter

knabe unterm zeus süßer wunderbarer kuß gereift blüte

Wortwolke

Wortwolke zu Thorwaldsens Ganymed und der Adler

Stilmittel

Alliteration
Sorge, süßer, wunderbarer
Anspielung
Weil er zum Olymp mich trug
Bildsprache
Blüte, die in leuchtend-klarer Schönheit nie der Wind gestreift
Enjambement
Knabe, süßer, wunderbarer, Unterm Kuß des Zeus gereift, Blüte, die in leuchtend-klarer Schönheit nie der Wind gestreift:
Hyperbel
Ja, weil er sogar die Klauen Unterm Fittich-Paar verhüllt
Ironie
Solltest doch ins Ohr ihm raunen: Spute dich zu deinem Heil
Kontrast
gravitatisch / Schmaust und wenig sich beeilt
Metapher
Knabe, süßer, wunderbarer, Unterm Kuß des Zeus gereift
Personifikation
Sorgsam tränkst du und ästhetisch
Symbolik
Donnerkeil