Thekla

Friedrich von Schiller

1805

Wo ich sei, und wo mich hingewendet, Als mein flücht′ger Schatten dir entschwebt? Hab′ ich nicht beschlossen und geendet, Hab′ ich nicht geliebet und gelebt?

Willst du nach den Nachtigallen fragen, Die mit seelenvoller Melodie Dich entzückten in des Lenzes Tagen? Nur solang sie liebten, waren sie.

Ob ich den Verlorenen gefunden? Glaube mir, ich bin mit ihm vereint, Wo sich nicht mehr trennt, was sich verbunden, Dort, wo keine Träne wird geweint.

Dorten wirst auch du uns wieder finden, Wenn dein Lieben unserm Lieben gleicht; Dort ist auch der Vater frei von Sünden, Den der blut′ge Mord nicht mehr erreicht.

Und er fühlt, dass ihn kein Wahn betrogen, Als er aufwärts zu den Sternen sah; Denn wie Jeder wägt, wird ihm gewogen! Wer es glaubt, dem ist das Heil′ge nah.

Wort gehalten wird in jenen Räumen Jedem schönen, gläubigen Gefühl. Wage du zu irren und zu träumen: Hoher Sinn liegt oft in kind′schem Spiel.

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Illustration zu Thekla

Interpretation

Das Gedicht "Thekla" von Friedrich von Schiller thematisiert die Suche nach der verlorenen Tochter Thekla, die sich aus dem Leben zurückgezogen hat. Die Sprecherin, vermutlich ihre Mutter, fragt, wo Thekla sei und ob sie Frieden gefunden habe. Sie vergleicht Thekla mit Nachtigallen, die nur solange leben, wie sie lieben. Die Mutter glaubt, dass Thekla den "Verlorenen" gefunden hat, was auf einen Geliebten oder einen verlorenen Teil ihrer selbst hindeuten könnte. Sie verspricht, dass Thekla und der "Verlorene" an einem Ort wiedervereint werden, an dem keine Tränen mehr vergossen werden und der Vater von seinen Sünden befreit ist. Die Mutter beschreibt diesen Ort als einen Raum, in dem jedes schöne und gläubige Gefühl erfüllt wird. Sie ermutigt Thekla, zu irren und zu träumen, da hoher Sinn oft im kindlichen Spiel liegt. Das Gedicht endet mit der Hoffnung, dass Thekla und der "Verlorene" an diesem Ort wiedervereint werden und dass der Vater von seinen Sünden befreit ist. Die Mutter glaubt, dass der Glaube an das Heilige den Menschen näher bringt und dass die Träume und Irrtümer der Kinder oft einen tieferen Sinn haben.

Schlüsselwörter

hab mehr lieben hingewendet flücht ger schatten entschwebt

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
seelenvoller Melodie
Hyperbel
Der blut′ge Mord nicht mehr erreicht
Kontrast
Dort, wo keine Träne wird geweint
Metapher
Hoher Sinn liegt oft in kind′schem Spiel
Parallelismus
Hab′ ich nicht beschlossen und geendet, Hab′ ich nicht geliebet und gelebt
Personifikation
Wo sich nicht mehr trennt, was sich verbunden
Rhetorische Frage
Wo ich sei, und wo mich hingewendet