Testament

Erich Kurt Mühsam

1920

Nein, ich will nicht eher zu Grabe, eh ich nicht auch die letzten Sprossen irdischen Glückes erstiegen habe, eh ich das Leben nicht ganz genossen;

eh ich nicht alle Frauen umschlungen, die mich durch meine Träume begleiten, eh ich nicht alle Lieder gesungen, die sich in meinem Herzen bereiten;

eh ich nicht alle Werke gestaltet, die sich dem schaffenden Geist entbinden, eh ich der Führerpflicht nicht gewaltet, daß die Menschen ihr Wegziel finden;

eh ich nicht fröhliche Augen sehe, die von Erhebung und Stolz verjüngt sind, eh ich nicht über Äcker gehe, die statt mit Tränen mit Freude gedüngt sind.

Nimmt der Erlöser dann und Vernichter von meinen Tagen die lastenden Ketten, sollt ihr den seligsten Menschen und Dichter tief in befreites Erdreich betten.

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Illustration zu Testament

Interpretation

Das Gedicht "Testament" von Erich Kurt Mühsam ist eine leidenschaftliche und entschlossene Abschiedsrede, in der der Sprecher seine Forderungen an das Leben und seinen Tod ausdrückt. Er fordert, dass er erst sterben darf, wenn er das Leben in vollen Zügen genossen hat, alle Frauen umarmt hat, alle Lieder gesungen hat, die in seinem Herzen wohnen, und alle Werke geschaffen hat, die sein schaffender Geist hervorbringt. Er will auch nicht sterben, bevor er seine Pflicht als Führer erfüllt hat, den Menschen den Weg zu ihrem Ziel zu weisen, und bevor er fröhliche Augen sieht, die von Erhebung und Stolz verjüngt sind, und bevor er über Äcker geht, die mit Freude statt mit Tränen gedüngt sind. Die Sprache des Gedichts ist kraftvoll und bildhaft, mit vielen Wiederholungen und Parallelismen, die die Entschlossenheit und den Willen des Sprechers unterstreichen. Die Verwendung von Metaphern wie "irdische Sprossen des Glücks" und "befreites Erdreich" verleiht dem Gedicht eine symbolische Tiefe und vermittelt die Idee, dass der Sprecher sein Leben als eine Reise oder einen Aufstieg sieht, der erst dann vollendet ist, wenn er alle Höhen erklommen und alle Tiefen durchschritten hat. Das Gedicht endet mit der Vorstellung, dass der Sprecher, wenn der Erlöser und Vernichter schließlich seine Ketten löst, als der "seligste Mensch und Dichter" in befreites Erdreich gebettet werden soll. Dies deutet darauf hin, dass der Sprecher sein Leben als einen Kampf gegen die Fesseln des Alltäglichen und des Unbefriedigenden sieht und dass er sich wünscht, dass sein Tod als ein Triumph über diese Fesseln und als eine Befreiung in die Ewigkeit gefeiert wird.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Anapher
Nein, ich will nicht eher zu Grabe, eh ich nicht auch die letzten Sprossen irdischen Glückes erstiegen habe, eh ich das Leben nicht ganz genossen; eh ich nicht alle Frauen umschlungen, die mich durch meine Träume begleiten, eh ich nicht alle Lieder gesungen, die sich in meinem Herzen bereiten; eh ich nicht alle Werke gestaltet, die sich dem schaffenden Geist entbinden, eh ich der Führerpflicht nicht gewaltet, daß die Menschen ihr Wegziel finden; eh ich nicht fröhliche Augen sehe, die von Erhebung und Stolz verjüngt sind, eh ich nicht über Äcker gehe, die statt mit Tränen mit Freude gedüngt sind.
Metapher
Nimmt der Erlöser dann und Vernichter von meinen Tagen die lastenden Ketten