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Testament

Von

Nein, ich will nicht eher zu Grabe,
eh ich nicht auch die letzten Sprossen
irdischen Glückes erstiegen habe,
eh ich das Leben nicht ganz genossen;

eh ich nicht alle Frauen umschlungen,
die mich durch meine Träume begleiten,
eh ich nicht alle Lieder gesungen,
die sich in meinem Herzen bereiten;

eh ich nicht alle Werke gestaltet,
die sich dem schaffenden Geist entbinden,
eh ich der Führerpflicht nicht gewaltet,
daß die Menschen ihr Wegziel finden;

eh ich nicht fröhliche Augen sehe,
die von Erhebung und Stolz verjüngt sind,
eh ich nicht über Äcker gehe,
die statt mit Tränen mit Freude gedüngt sind.

Nimmt der Erlöser dann und Vernichter
von meinen Tagen die lastenden Ketten,
sollt ihr den seligsten Menschen und Dichter
tief in befreites Erdreich betten.

Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Gedicht: Testament von Erich Kurt Mühsam

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Testament“ von Erich Mühsam ist eine kraftvolle Selbsterklärung, ein Bekenntnis zum Leben und zur Erfahrung, bevor der Tod eintritt. Es ist ein Bündel von Sehnsüchten und Zielen, die der Dichter erreichen möchte, bevor er sich dem Grab zuwendet. Mühsam verknüpft hier das irdische Glück mit der Erfüllung menschlicher Sehnsüchte nach Liebe, Kunst und gesellschaftlichem Engagement.

Die Struktur des Gedichts ist klar und rhythmisch, durch die Verwendung von Kreuzreimen in den vier Strophen. Jede Strophe beginnt mit einem Negationssatz, „Nein, ich will nicht…“, was die Entschlossenheit des Dichters unterstreicht, sich dem Tod erst zu stellen, wenn er seine Lebensaufgabe erfüllt hat. Die Aufzählung der „Sprossen irdischen Glückes“ erstreckt sich über die Liebe, die Kunst, die Führung, die Freude und die gesellschaftliche Gerechtigkeit. Dies offenbart einen umfassenden Lebensanspruch, der nicht nur das persönliche Glück, sondern auch das Wohlergehen der Menschen umfasst.

Die zentrale Metapher des Gedichts ist die Besteigung einer Leiter oder das Erreichen von Sprossen. Dies symbolisiert den Aufstieg zu einem erfüllten Leben, das mit Genuss, Liebe, Schöpfung und gesellschaftlichem Engagement einhergeht. Die Betonung auf „alle Frauen umschlungen“, „alle Lieder gesungen“ und „alle Werke gestaltet“ verdeutlicht den Wunsch nach maximaler Erfahrung und Ausdruck. Gleichzeitig betont Mühsam mit dem Wunsch nach einer Welt, in der „Freude“ die „Tränen“ ersetzt, auch sein Engagement für eine bessere Gesellschaft.

Der abschließende Vers, „sollt ihr den seligsten Menschen und Dichter / tief in befreites Erdreich betten“, verbindet schließlich das persönliche Erleben mit einer positiven Sicht auf den Tod. Mühsam sieht sich selbst als einen glücklichen Menschen und Dichter, der sein Leben in vollen Zügen genossen hat und daher mit einem Gefühl der Erfüllung und Freiheit in den Tod gehen kann. Das „befreite Erdreich“ deutet auf ein neues, befreites Dasein nach dem Tod hin. Das Gedicht ist somit ein starkes Plädoyer für ein aktives, erfülltes Leben, das bis zum letzten Atemzug gelebt werden sollte.

Weitere Informationen

Hier finden sich noch weitere Informationen zu diesem Gedicht und der Seite.

Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.