Terzinen an ein Mädchen

Stefan Zweig

1933

Seit deine Hände kühl an meinen ruhten,  Fühle ich traumhaft ihre weiße Schwinge  Tief in die Stille meiner Stunden fluten, Doch eingebannt im Bilde vieler Dinge:  Bald ruhen sie wie schöne weiße Schalen,  Bald knistern sie um eine blaue Klinge, Verblassen jetzt zu kränklichen Opalen  Und sind nun selbst wie schmachtend matte Frauen – Doch immer ist in ihren schmalen, fahlen Gelenken, die das Netz des bleichen blauen  Geäders zart und rätselhaft durchgittert,  Ein irres Leuchten und ein stummes Grauen. Ist dies mein Traumglanz nur, der so gewittert,  Oder ist Funkenspiel dies deiner Seele  Ein fahles Fieber, das in dir aufzittert Und das du niederringst mit stolzer Kehle? – O leih mir, Seltsame, die kühlen Hände,  Doch nicht, daß ich sie so mit Fragen quäle Und böser Stunden Spur in ihnen fände.  Ganz leise nur, ganz lieb will ich sie nehmen  Und wunschlos halten, deine blassen Hände, Als wären sie zwei weiße Chrysanthemen.

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Illustration zu Terzinen an ein Mädchen

Interpretation

Das Gedicht "Terzinen an ein Mädchen" von Stefan Zweig handelt von der tiefen emotionalen und sinnlichen Wirkung, die die Berührung der kühlen Hände des Mädchens auf den lyrischen Ich ausübt. Die Hände werden als ein wiederkehrendes, fast traumhaftes Motiv beschrieben, das das Bewusstsein des Sprechers durchdringt und verschiedene Assoziationen hervorruft – von der Schönheit und Ruhe bis hin zu einem unheimlichen, leuchtenden Schrecken. Die Interpretation des Gedichts liegt in der Ambivalenz der Gefühle, die die Hände des Mädchens auslösen. Einerseits werden sie als etwas Schönes, fast Sakrales wahrgenommen, andererseits aber auch als Träger eines mysteriösen, möglicherweise unheimlichen oder krankhaften Leuchtens. Dieses Leuchten könnte als Ausdruck einer inneren Unruhe oder eines verborgenen Schmerzes interpretiert werden, der den Sprecher fasziniert und zugleich beunruhigt. Der letzte Teil des Gedichts offenbart die Sehnsucht des Sprechers, die Hände des Mädchens in reiner, ungestörter Zärtlichkeit zu halten, ohne sie mit Fragen oder Ängsten zu belasten. Die Hände sollen als etwas Reines und Zerbrechliches betrachtet werden, vergleichbar mit Chrysanthemen – ein Symbol für Schönheit, Vergänglichkeit und vielleicht auch für ein unausgesprochenes, tiefes Verständnis zwischen den beiden.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Bildlichkeit
Fühle ich traumhaft ihre weiße Schwinge
Frage
Oder ist Funkenspiel dies deiner Seele
Metapher
Doch nicht, daß ich sie so mit Fragen quäle
Personifikation
Doch immer ist in ihren schmalen, fahlen Gelenken, die das Netz des bleichen blauen Geäders zart und rätselhaft durchgittert
Vergleich
Als wären sie zwei weiße Chrysanthemen