Tanz
1945Sie wirbelt weich Die Hände schwingend vor… Sie rollt auf Zehen starr zurück: Steht gipfelnd von Musik umflossen, Silbern sichtbar in die Luft gegossen!
Sie schmilzt hinab Und hebt zu kreisen an Um ihrer Seele stillsten Punkt, Wie Schnee, um sein Gebirge fließend, In immer weichere Hand sich gießend,
Wie Wasser weiß… Dick schwellen aus der Wand Der Lampen blutige Fäden an Und sinken plötzlich…: Sie steht funkelnd Da, steil gezackt, geprägt im Dunkeln!
Sie schweift den Fuß wie Pfaunrad aus, zum Blumenkreis, Sie spitzt den Fuß wie Sterne zu, Zeh’nstrahlen spitz, Sie gleitet der Bewegung ungebundnes Gleis Im Saale lagern Tiere stier auf wuchtigem Sitz.
Von Säulen schielt das Breitgesicht der Decke weiß Herab auf ihrer schnellen Brüste Blitz und Blitz, Aus vorgewölbten Mäulern bläst es gelb und heiß, Ihr Lichtknie schluckt der ungerührten Augen Schlitz!
Da schüttelt sie sich zagender: O falle, Gier! Da wirft sie sich in Lüfte fort - Doch immer schwingt Die Schönheit wie ein Bumerang zurück zu ihr, Dass jedem Sprung nur stachelndere Glut entspringt.
Rot hängt des Vorhangs offner Wundrand über ihr, Rauch höhnt als Vorhang, den doch jeder Blick durchdringt, Ihr Tanz verlöscht nicht, angespritzt von Staub und Bier, Noch immer klatschen Fäuste, bis Musik noch klingt.
So flieh, enttanze In dich! du Unsichtbare! Wie ein rasendes Rad innen schwindet Schon hüllen Wellen dich und bleichen Die Gier, im Saale sitzen Leichen
Du, neu geboren Auf einen andern Stern hin! In eignen immer wildren Sturmleib, In Fuß und Brust und Stirn verflogen, Vom Geistermund des Umschwungs ausgesogen.
Und fließt zusammen Mit sich - und fühlt nur Tanzen, Luft, Atmen, Aufatmen von Flammen Es hebt sie einsames Gefieder Und Sammetvorhang senkt sich nun auch nieder.
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Interpretation
Das Gedicht "Tanz" von Alfred Wolfenstein beschreibt eine Tänzerin, die sich in einer ekstatischen, fast übermenschlichen Performance verliert. Die Interpretation beginnt mit der Analyse der poetischen Mittel und der Symbolik, die Wolfenstein verwendet, um die Intensität und die emotionale Tiefe des Tanzes zu vermitteln. Die Tänzerin wird als eine Figur dargestellt, die sich in einer Art Trance befindet, wobei ihre Bewegungen als "weich" und "rollend" beschrieben werden, was auf eine fließende, fast flüssige Bewegung hindeutet. Die Metapher des "Schnees, um sein Gebirge fließend" unterstreicht die sanfte, aber unaufhaltsame Natur ihrer Bewegungen. Die "blutigen Fäden" der Lampen und die "tiere stier auf wuchtigem Sitz" im Saal schaffen eine düstere, fast bedrohliche Atmosphäre, die den Kontrast zu der Schönheit und Anmut der Tänzerin bildet. Die Tänzerin wird als eine Figur dargestellt, die sich in einem inneren Kampf befindet, symbolisiert durch den "Bumerang", der immer wieder zu ihr zurückkehrt. Dies deutet auf eine zyklische Natur des Tanzes hin, bei der die Schönheit und die Gier sich gegenseitig verstärken. Die "rote Wundnarbe" des Vorhangs und der "Rauch" als Vorhang symbolisieren die Verletzlichkeit und die Vergänglichkeit des Tanzes, während die "Fäuste" und das "Bier" auf die grobe, sinnliche Natur des Publikums hinweisen. Im letzten Teil des Gedichts wird die Tänzerin als eine Figur dargestellt, die sich in sich selbst zurückzieht, "enttanzt" und sich auf einen "anderen Stern" begibt. Dies deutet auf eine Art spirituelle oder existenzielle Transformation hin, bei der die Tänzerin ihre physische Form hinter sich lässt und in eine höhere, reinere Form des Seins übergeht. Die "Wellen", die sie "hüllen", und das "einsame Gefieder", das sie hebt, symbolisieren diese Transformation und den Übergang in eine neue Existenzform.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Silbern sichtbar in die Luft gegossen
- Bildsprache
- Sie spitzt den Fuß wie Sterne zu, Zeh'nstrahlen spitz
- Enjambement
- Sie wirbelt weich Die Hände schwingend vor...
- Hyperbel
- Ihr Tanz verlöscht nicht, angespritzt von Staub und Bier
- Kontrast
- Da schüttelt sie sich zagender: O falle, Gier!
- Metapher
- Sie wirbelt weich, Die Hände schwingend vor...
- Personifikation
- Von Säulen schielt das Breitgesicht der Decke weiß
- Symbolik
- Rot hängt des Vorhangs offner Wundrand über ihr
- Vergleich
- Wie Schnee, um sein Gebirge fließend
- Wiederholung
- Sie schmilzt hinab Und hebt zu kreisen an