Tagesanbruch

Hermann Kurz

1804

Oft in des Morgens klarer Frische, Wann kräftig flammt der Seele Licht, Naht plötzlich mir ein Bild, womit ich Tag und Licht Auf einen Augenblick verwische.

Ich seh’ mich selber, fern und doch wie nah, Dahingestreckt, wie ich den Vater sah, Die Lippen stumm, die Augen eingedrückt, Des Herzens Schlag gebrochen und erstickt, Und folge mit dem Blick dem feierlichen Zug, Der auch die Vor’gen so hinuntertrug.

Zerfließe, Traumgebild! und Luft und Morgenschein, Umfittigt mich mit sichern Lebensmahlen! Die Seele badet doppelt froh sich rein So in des Geistes, wie der Sonne Strahlen.

Und haben sie mich eingescharrt, Dann, teures Wort, in Dir sei meine Gegenwart! Herüber sei die Geisterhand gereicht Dem der, wie ich jetzt, durch die Berge streicht, Und in den Morgen, der so labend haucht, Sein Leben taucht.

Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Illustration zu Tagesanbruch

Interpretation

Das Gedicht "Tagesanbruch" von Hermann Kurz thematisiert die morgendliche Erleuchtung und die Vergänglichkeit des Lebens. Der Dichter beschreibt, wie er in der klaren Frische des Morgens plötzlich ein Bild vor sich sieht, das ihn für einen Moment die Realität vergessen lässt. Dieses Bild zeigt ihn selbst, wie er tot daliegt, ähnlich wie er seinen Vater einst gesehen hat. Die Beschreibung der leblosen Lippen, der eingedrückten Augen und des erstickten Herzschlags vermittelt eine tiefe Trauer und das Bewusstsein der eigenen Sterblichkeit. Der Dichter folgt dann mit seinem Blick dem feierlichen Zug, der auch die Vorfahren hinuntertrug. Dieser Zug symbolisiert den unausweichlichen Lauf des Lebens und den Übergang ins Jenseits. Die Bitte, dass sich das Traumbild auflösen möge und die Luft und der Morgenschein ihn mit sicherem Lebensmut umgeben, zeigt den Wunsch nach Erneuerung und Hoffnung. Die Seele badet sich doppelt froh in den Strahlen des Geistes und der Sonne, was die Reinigung und Erleuchtung durch geistige und natürliche Kräfte darstellt. Im letzten Teil des Gedichts drückt der Dichter den Wunsch aus, dass, wenn er einmal begraben ist, seine Gegenwart in einem teuren Wort oder einer geliebten Person weiterlebt. Er bittet um die reichende Hand der Geister, die demjenigen, der wie er jetzt durch die Berge streift, geistige Unterstützung und Trost spendet. Das Leben taucht in den Morgen, der so labend haucht, was die Hoffnung auf Erneuerung und die Fortsetzung des Lebens in einer anderen Form symbolisiert.

Schlüsselwörter

seele licht oft morgens klarer frische wann kräftig

Wortwolke

Wortwolke zu Tagesanbruch

Stilmittel

Alliteration
des Morgens klarer Frische
Anapher
Und haben sie mich eingescharrt, Dann, teures Wort, in Dir sei meine Gegenwart!
Bildsprache
folge mit dem Blick dem feierlichen Zug
Hyperbel
Auf einen Augenblick verwische
Kontrast
fern und doch wie nah
Metapher
kräftig flammt der Seele Licht
Personifikation
Zerfließe, Traumgebild!
Symbolik
Geistes, wie der Sonne Strahlen