Tage

Ernst Stadler

1914

I.

Klangen Frauenschritte hinter Häuserbogen, Folgtest du durch Gassen hingezogen Feilen Blicken und geschminkten Wangen nach, Hörtest in den Lüften Engelschöre musizieren, Spürtest Glück, dich zu zerstören, zu verlieren, Branntest dunkel nach Erniedrigung und Schmach.

Bis du dich an Eklem vollgetrunken, Vor dem ausgebrannten Körper hingesunken, Dein Gesicht dem eingeschrumpften Schoß verwühlt – Fühltest, wie aus Schmach dir Glück geschähe, Und des Gottes tausendfache Nähe Dich in Himmelsreinheit höbe, niegefühlt.

II.

O Gelöbnis der Sünde! All’ ihr auferlegten Pilgerfahrten in entehrte Betten! Stationen der Erniedrigung und der Begierde an verdammten Stätten! Obdach beschmutzter Kammern, Herd in der Stube, wo die Speisereste verderben, Und die qualmende Öllampe, und über der wackligen Kommode der Spiegel in Scherben! Ihr zertretnen Leiber! du Lächeln, krampfhaft in gemalte Lippen eingeschnitten! Armes, ungepflegtes Haar! ihr Worte, denen Leben längst entglitten – Seid ihr wieder um mich, hör’ ich euch meinen Namen nennen? Fühl’ ich aus Scham und Angst wieder den einen Drang nur mich zerbrennen: Sicherheit der Frommen, Würde der Gerechten anzuspeien, Trübem, Ungewissem, schon Verlornem mich zu schenken, mich zu weihen, Selig singend Schmach und Dumpfheit der Geschlagenen zu fühlen, Mich ins Mark des Lebens wie in Gruben Erde einzuwühlen.

III.

Ich stammle irre Beichte über deinem Schoß: Madonna, mach’ mich meiner Qualen los. Du, deren Weh die Liebe nie verließ, In deren Leib man sieben Schwerter stieß, Die lächelnd man zur Marterbank gezerrt – O sieh, noch bin ich ganz nicht aufgesperrt, Noch fühl’ ich, wie mir Haß zur Kehle steigt, Und vielem bin ich fern und ungeneigt. O laß die Härte, die mich engt, zergehn, Nur Tor mich sein, durch das die Bilder gehn, Nur Spiegel, der die tausend Dinge trägt, Allseiend, wie dein Atemzug sich über Welten regt.

IV.

Dann brenn’ ich nächtelang, mich zu kasteien, Und spüre Stock und Geißel über meinen Leib geschwenkt. Ich will mich ganz von meinem Selbst befreien, Bis ich an alle Welt mich ausgeschenkt. Ich will den Körper so mit Schmerzen nähren, Bis Weltenleid mich sternengleich umkreist – In Blut und Marter aufgepeitschter Schwären Erfüllt sich Liebe und erlöst sich Geist.

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Illustration zu Tage

Interpretation

Das Gedicht "Tage" von Ernst Stadler ist ein tiefgründiges Werk, das die menschliche Suche nach spiritueller Erfüllung und die damit verbundenen Kämpfe und Widersprüche thematisiert. In vier Teilen erkundet der Dichter die Extreme menschlicher Erfahrung, von sinnlicher Verschwendung bis hin zu asketischer Selbstkasteiung, und findet am Ende eine Synthese in einer Art mystischer Verschmelzung mit dem Göttlichen. Der erste Teil des Gedichts beschreibt eine Phase der Ausschweifung und des Sich-Hingebens an sinnliche Vergnügungen. Der Erzähler folgt "Frauenschritten" und "feilen Blicken" nach, lässt sich von "Engelschöre[n]" verzaubern und sucht Zerstörung und Erniedrigung. Diese Phase endet in einem Zustand der Erschöpfung und des Ekels, doch paradoxerweise findet der Erzähler in dieser Erniedrigung eine Art spirituelle Erhebung und Nähe zu Gott. Im zweiten Teil reflektiert der Erzähler über die "Sünde" und ihre Konsequenzen. Er beschreibt die "Pilgerfahrten" durch "entehrte Betten" und die "Stationen der Erniedrigung und der Begierde". Trotz der negativen Konnotationen dieser Erfahrungen zieht der Erzähler eine seltsame Anziehungskraft aus ihnen, einen Drang, sich von "Sicherheit der Frommen" und "Würde der Gerechten" zu lösen und stattdessen das "Trübe, Ungewisse" zu umarmen. Dies deutet auf eine Suche nach Authentizität und einer tieferen Wahrheit hin, die jenseits konventioneller Moral liegt. Der dritte Teil des Gedichts wendet sich einer religiösen Figur zu, vermutlich der Jungfrau Maria, die als "Madonna" angerufen wird. Der Erzähler sucht Erlösung von seiner "Qual" und bittet die Madonna, ihm zu helfen, seine Härte und Engstirnigkeit zu überwinden. Er wünscht sich, ein "Tor" zu sein, durch das Bilder fließen können, ein "Spiegel", der "tausend Dinge" trägt, und "allseiend" wie der Atemzug der Madonna, der sich "über Welten regt". Dies deutet auf ein Streben nach Auflösung des Egos und einer Vereinigung mit dem Göttlichen hin. Im vierten und letzten Teil beschreibt der Erzähler eine Phase der Askese und Selbstkasteiung. Er "brennt nächtelang", um sich von seinem "Selbst zu befreien" und sich "ganz an alle Welt auszuschenken". Durch körperliche Schmerzen und "Blut und Marter" sucht er eine Art Reinigung und Erlösung. Das Gedicht endet mit der Aussage, dass "sich Liebe erfüllt und erlöst sich Geist", was auf eine letztendliche spirituelle Erleuchtung oder Vereinigung mit dem Göttlichen hindeutet. Insgesamt ist "Tage" ein komplexes Gedicht, das die menschliche Suche nach spiritueller Erfüllung durch verschiedene Extreme erforscht. Es zeigt, wie der Erzähler durch Phasen der Ausschweifung, Reflexion, religiöser Anrufung und Askese schließlich zu einer Art mystischer Vereinigung mit dem Göttlichen gelangt. Das Gedicht wirft Fragen nach der Natur von Sünde, Erlösung und der Beziehung zwischen Körper und Geist auf und lädt den Leser ein, über seine eigenen spirituellen Überzeugungen und Erfahrungen nachzudenken.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Alliteration
Klangen, Kammern, Kommode, krampfhaft, Kehle, kasteien
Anapher
Bis du dich, Bis ich mich
Assonanz
Gassen hingezogen, Glück geschähe, dich zu kasteien
Enjambement
Bis du dich an Eklem vollgetrunken, Vor dem ausgebrannten Körper hingesunken, Dein Gesicht dem eingeschrumpften Schoß verwühlt
Hyperbel
tausendfache Nähe
Metapher
dich zu zerstören, zu verlieren
Personifikation
Glück, dich zu zerstören
Symbolik
Madonna als Symbol der Reinheit und Erlösung
Synästhesie
Lüften Engelschöre musizieren