Tag und Nacht
1866Glaube nicht nur dem Sonnenlicht: Ganze Wahrheit zeigt es dir nicht! Bist wohl zur Hälfte lichtdurchtränkt, Aber zur Hälfte auch eingesenkt Ins heimlichgroße Reich der Nacht - Weißt du, was mehr dein Wesen macht? Wenn du den Zauberbecher trankst, Müd in den Schoß der Mutter sankst: Schwindet da nicht in ihrem Kuß All dein Tagsein, Not und Genuß, Kampf und Können und Trotz und Trieb Zu leichten Nebeln, bis nichts mehr blieb? Und hobst du dein Haupt, und schautest du In des Mutterauges bannende Ruh′: Wird dir da nicht urmächtig bewußt Manche Trauer und manche Lust, Manch eine Furcht oder Zuversicht, Die du nicht kennst im strömenden Licht? Tag bringt Tat, und Nacht singt Sein, Beide schließen dein Leben ein - Lausche der Wahrheit, wo immer sie rief! Klar ist der Tag: doch die Nacht ist tief.
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Interpretation
Das Gedicht "Tag und Nacht" von Hanns von Gumppenberg thematisiert die Dualität des menschlichen Daseins und die Bedeutung beider Zustände – Tag und Nacht – für das Leben. Der Dichter warnt davor, sich nur auf das "Sonnenlicht" zu verlassen, da die "ganze Wahrheit" dadurch nicht offenbart wird. Der Mensch ist zwar "zur Hälfte lichtdurchtränkt", aber auch "zur Hälfte eingesenkt ins heimlichgroße Reich der Nacht". Dies deutet darauf hin, dass sowohl das Bewusste als auch das Unbewusste, das Sichtbare als auch das Verborgene, zum Wesen des Menschen gehören. Im zweiten Teil des Gedichts wird die Nacht als ein Ort der Geborgenheit und des Rückzugs beschrieben, symbolisiert durch den Schoß der Mutter. Hier lösen sich die Sorgen und Kämpfe des Tages auf, und der Mensch findet Trost und Ruhe. Doch in der Nacht offenbart sich auch ein tieferes Verständnis für die eigenen Ängste, Hoffnungen und Sehnsüchte, die im hektischen Tagesgeschehen oft verborgen bleiben. Die Nacht wird somit als ein Ort der inneren Einkehr und des wahren Selbstverständnisses dargestellt. Abschließend betont der Dichter die Notwendigkeit, beide Zustände zu akzeptieren und zu würdigen. Der Tag bringt Tat und Aktivität, die Nacht hingegen "singt Sein" und ermöglicht Reflexion und Ruhe. Beide sind untrennbar miteinander verbunden und schließen das menschliche Leben ein. Die Aufforderung, "der Wahrheit zu lauschen, wo immer sie rief", unterstreicht die Bedeutung, sowohl im Licht als auch in der Dunkelheit nach Erkenntnis zu suchen. Der Tag mag klar sein, doch die Nacht ist tief – ein Hinweis darauf, dass die wahre Tiefe des Lebens oft im Verborgenen liegt.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Kampf und Können und Trotz und Trieb
- Bildsprache
- Zauberbecher trankst
- Hyperbel
- heimlichgroße Reich der Nacht
- Kontrast
- Tag bringt Tat, und Nacht singt Sein
- Metapher
- Zauberbecher
- Parallelismus
- Manche Trauer und manche Lust, / Manche Furcht oder Zuversicht
- Personifikation
- Tag bringt Tat, und Nacht singt Sein
- Symbolik
- Sonnenlicht