Syrakus
1893Ja ganz, Marcell, hast du die Gewaltige Zermalmet, oder glaub′ ich der Thräne, die Du ihr geweint, war′s nicht dein Adler Doch, dein gefürchteter Bote, Vater,
Der Blitze schleudert und Schicksalsrath vollbringt, Trinakriens vierstädtiges Rom hat er′s Zermalmt und weggetilgt vom Boden, Tempel zertrümmert und Burg und Mauer?
Des Denkers selbst, des völkerzerstörenden, Geschonet nicht, und schlangenbekränzt von Mund Zu Mund gereicht des Wahnsinns Becher, Den mit der Flamme der Mordwuth Eris
Mit Blut, die streitbegeisterte, bis zum Rand Gefüllt, vom zarten Weibe, vom Säugling Blut Gleich fordernd im bachant′schen Taumel Wie von den Mördern des Königshauses.
So jemand niederschaute vom grauen Fels, Der einst umstarrt′ die Mauer des Dionys, So er des Berges Schutt und Trümmer, Hafen und Fels und Dianens Insel
Anblickte fragend: Wo denn erspäh ich sie Karthagos stolze Siegerin und Athens? Ich frage Meer und Land: die goldne, Herrlichste Tochter Korinths, wo ist sie?
Der Ceres Frucht wohl seh ich in jenem Thal, Ganz andre Garben aber hat einst sie hier Die Aehrenleserin, die große, Hat die Geschichte sich hier gewunden,
Die strenge Thatensammlerin, giftig Kraut Absondernd von süßnährender Frucht, den Sohn Der Doris und den Sohn des Töpfers Scheidend von Hierons bessrem Glücke.
O weintest du, Zerstörer, was bliebe noch Der Nachwelt? Schutt und Grausen von Labdals Burg Von meerumrauschter Akradina Bis zu Kronions verwaisten Säulen!
Nur Steine, wo einst Thaten und Tugenden; Der fromme Stier, wo einst der Tyrann sein Volk Beschaut; der Mühle Schäumen, wo einst Sophokles göttlichste Sprach′ ertönet;
Des Klosters stiller Garten und Blumenweg, Wo in gigant′scher Grotten Umschattungen Athens unzählig Heer und Nikias Qualen des Henkers und Tod erharret.
Das Maulthier wandelt felsige Wildniß hin, Wo Musen sangen; Hirten und Bettler sind, Wo mit Jonen und Platonen, Wo sich mit Timoleonen Freiheit
Und Weisheit fand zu geistigstem Heldenbund Und selbst die Grazie Männer zur Schlacht geweiht. Von solchem Bunde bessrer Schwestern Blutig getrennt hat sich nun die Nachwelt.
Noch wie dem grauen Archias glänzet uns Das Meer, die milden Lüfte, das reine Licht; Umrauscht noch von Aegyptens Büschen Lebt in der Quelle Cyanens Fabel,
Und Arethusa sprudelt die salz′ge Fluth Noch an Ortygias Ufer mit alter Kraft, Durchglüht der Sonnenstrahl des Gottes Süßeste Frucht, der Begeistrung Freundin.
Der Mensch nur leidet. Nimm der Natur des Lichts Erschaffend, hold erhaltend Geschenk, sie stirbt, Dem Menschen gleich, dem längst des Lebens Stolzeste Quelle versiegt, die Freiheit.
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Interpretation
Das Gedicht "Syrakus" von Wilhelm Friedrich Waiblinger ist eine eindringliche Betrachtung der einst blühenden Stadt Syrakus und ihrer heutigen Verwahrlosung. Der Sprecher fragt, ob Marcell, möglicherweise eine symbolische Figur, die mächtige Stadt zermalmt hat oder ob es die zerstörerische Kraft des Schicksals war, die die Stadt und ihre Kultur vernichtet hat. Waiblinger beschreibt den Untergang Syrakus als Folge von Krieg und Wahnsinn, der von Generation zu Generation weitergegeben wurde. Die Stadt, einst stolz und mächtig, ist nun nur noch ein Trümmerfeld, wo einst große Taten und Tugenden zu finden waren. Der Dichter bedauert den Verlust der geistigen und kulturellen Errungenschaften, die einst in Syrakus blühten. Trotz der Zerstörung und des Leids, das die Menschheit erfährt, erinnert Waiblinger daran, dass die Natur weiterhin ihre Schönheit und Fruchtbarkeit bewahrt. Die Natur bleibt unberührt von den Verwüstungen der Zeit, während die Freiheit, die einst das Leben der Menschen bereicherte, nun erloschen ist. Das Gedicht endet mit einem Appell, die Gaben der Natur zu schätzen und zu bewahren, solange sie noch existieren.
Schlüsselwörter
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Stilmittel
- Metapher
- Des Menschen gleich, dem längst des Lebens Stolzeste Quelle versiegt, die Freiheit
- Personifikation
- den mit der Flamme der Mordwuth Eris