Swenne ich schine
1869Swenne ich schine so muost du lühten, swenne ich vlüsse, so muost du wuethen, swen du süfzest, so zühest du min götlich herze in dich. swenne du weinest na mir, so nim ich dich an den aren min; swenne du aber minnest, so werden wir zwöi ein, und wenne wir zwöi alsust eines sin, so mag da niemer geschehen scheiden, mere ein wonenklich beiten wonet zwüschent uns beiden. herre so beit ich denne mit hunger und mit durste, mit jagen und mit luste, vnz an die spilenden stunde das us dinem götlichen munde vliessen die erwelten wort, die von nieman sin gehort, mere von der sele alleine, die sich von der erde entkleidet und leit ir ore für dinen munt - ja die begriffet der minne funt.
Wann immer ich scheine, so musst du leuchten, wann immer ich fließe, so musst du wild überströmen, wann immer du seufzt, so ziehst du mein göttliches Herz in dich. Wann immer du weinst nach mir, so nehme ich dich in meinen Arm; wann immer du wieder liebst, so werden wir zwei eins, und wann immer wir zwei so eins sind, so kann da nie mehr Trennung sein; vielmehr wohnt ein freudiges Zurückhalten zwischen uns beiden. Mein Herr! So halte ich mich denn zurück mit Hunger und mit Durst, mit dem Umherjagen und mit dem Vergnügen, bis an die Stunde, in der alles sich munter bewegt wie im Spiel, in der aus deinem göttlichen Mund fließen die erlesenen Worte, die von niemanden gehört werden als von der Seele allein, die die Erde ablegt und ihr Ohr vor deinem Mund legt - ja, die begreift den Fundort der Liebe.
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Interpretation
Das Gedicht "Swenne ich schine" von Mechthild von Magdeburg ist ein tief spirituelles Werk, das die intensive und innige Beziehung zwischen der Dichterin und Gott beschreibt. Die Sprache ist geprägt von einer leidenschaftlichen, fast sinnlichen Liebe, die weit über die irdische Liebe hinausgeht und in eine mystische Vereinigung mündet. Die Dichterin beschreibt eine wechselseitige Abhängigkeit und Einheit mit Gott. Wann immer Gott leuchtet oder fließt, muss sie entsprechend reagieren – leuchten und wild überströmen. Diese Dynamik symbolisiert eine tiefe spirituelle Verbundenheit, bei der die Dichterin und Gott in ständiger Interaktion stehen. Das Seufzen der Dichterin zieht Gottes Herz in sie hinein, was auf eine innige, fast verschmelzende Beziehung hindeutet. Die Tränen der Dichterin nach Gott führen dazu, dass Gott sie in seinen Arm nimmt, was Trost und Nähe ausdrückt. Die Liebe zwischen Gott und der Dichterin führt zu einer vollkommenen Einheit, in der keine Trennung mehr möglich ist. Ein "wonnliches Beiten" (freudiges Zurückhalten) wohnt zwischen ihnen, was auf eine tiefe, erfüllende Verbindung hindeutet, die von Geduld und Sehnsucht geprägt ist. Die Dichterin beschreibt ihre Sehnsucht nach Gott mit Bildern von Hunger, Durst und Umherjagen, was die Intensität ihrer spirituellen Suche unterstreicht. Sie wartet auf den Moment, in dem alles sich munter bewegt und Gott seine erlesenen Worte spricht. Diese Worte werden nur von der Seele verstanden, die die Erde ablegt und ihr Ohr vor Gottes Mund legt. Dieser Moment der Erleuchtung und des Verstehens wird als "Fundort der Liebe" bezeichnet, was die ultimative Erkenntnis und Vereinigung mit Gott symbolisiert.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- mit hunger und mit durste
- Anapher
- Swenne ich schine so muost du lühten, swenne ich vlüsse, so muost du wuethen, swenne du süfzest, so zühest du min götlich herze in dich
- Hyperbel
- vielmehr wohnt ein freudiges Zurückhalten zwischen uns beiden
- Metapher
- die begriffet der minne funt
- Parallelismus
- Swenne ich schine so muost du lühten, swenne ich vlüsse, so muost du wuethen
- Personifikation
- die sich von der erde entkleidet