Sünde
1899(Gemälde von Franz Stuck)
Allein die Sünde ist unendlich reich … (Loris.)
… Ein weißes Weib lehnt in den dunklen Falten Mit steinig weißen, grau′nhaft schönen Gliedern, An die sich gleißend eine Schlange schmiegt …. Mit bleichem, sündhaft schönem Antlitz …
Aus seinen Zügen leuchtet, blaßroth schwellend, Ein wundersüßer Mund, der vieles sagt, Und lächelnd … viel verschweigt … In ihrem Aug′, dem trunk′nen, zaubertiefen, Brennt sehnsuchtsfeucht ein Blick, der lockt und fängt Und schmeichelnd kost und tödlich wundet Und glühendheiß macht und den Sinn verwirrt …
Wer bist du, seltsam Weib? Was glüht in deinen Lippen? Was rauscht sirenengleich Aus deiner Augen Meer?
»Mein Name ist der älteste hienieden. Ich bin im Hauch der starren Tuberose, Der schweren, die in weißen Gluten brennt … Ich bin, wo tolle Rhytmen wirbeln Und Menschen lachend sich dem Klang hingeben Und sinnberauschet in den Tod sich wirbeln … In allem Dufte, der dich trunken macht Und süß zu Tode küßt und duftet … Bin im Accord, der brausend dich durchflutet, Und deine Seele streichelt und zerreißt, Dich elend macht und doch unsagbar glücklich!
Mein Reich ist, wenn der silberweiße Mond Sein schimmernd Gift in Erdenwunden hinweint, Und Lieb′ und Wahnsinn durch die Lüfte rasen … In blassen schönen Frau′n kannst du mich fühlen. Ich weh′ als Athem in des Mundes Gluten, Ich zuck′ in ihrer Hand, die dich erbeben macht … Ich bin im Duft der weichen Frauenhaare Und hab′ an ihrer Brust, der kalten, dich durchfröstelt Und fiebre in dem Kuß, der dir das Herz versengt …
Komm′, komm′ zu mir! Ich weiß ein schönes Märchen Und weiß, dein Herz ist krank … ich küsse dich gesund! In meinem Arm ist seliges Verbluten … Komm′, komm′ zu mir! Ich weiß ein schönes Märchen …
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Interpretation
Das Gedicht "Sünde" von Lisa Baumfeld thematisiert die verführerische und zugleich zerstörerische Kraft der Sünde, symbolisiert durch eine schöne, aber gefährliche Frau. Die Protagonistin wird als sinnlich und anziehend dargestellt, deren Erscheinung und Ausstrahlung den Betrachter in ihren Bann ziehen. Die Schlange, die sich um sie schmiegt, ist ein klares Symbol für die Versuchung und die damit verbundene Gefahr. Die Frau selbst spricht von ihrer Allgegenwart in den sinnlichen Genüssen des Lebens, sei es in Düften, Musik oder der Anziehungskraft schöner Frauen, und verspricht Erlösung durch Hingabe an sie. Die Sünde wird als eine mächtige, fast göttliche Kraft dargestellt, die in der Lage ist, den Menschen zu verzaubern und zu zerstören. Sie verspricht Heilung für das kranke Herz, doch der Preis dafür ist das "selige Verbluten" in ihren Armen. Das Gedicht vermittelt eine ambivalente Sicht auf die Sünde: Sie ist zugleich verlockend und gefährlich, ein Versprechen von Glück und zugleich ein Weg in den Untergang. Die Wiederholung der Einladung "Komm', komm' zu mir!" am Ende des Gedichts unterstreicht die unwiderstehliche Anziehungskraft der Sünde und die Schwierigkeit, ihr zu widerstehen. Baumfelds Gedicht reflektiert die menschliche Faszination für das Verbotene und die ewige Versuchung, sich der Sünde hinzugeben. Die Verwendung von starken, sinnlichen Bildern und die Personifizierung der Sünde als eine verführerische Frau tragen zur intensiven Atmosphäre des Gedichts bei. Es lädt den Leser dazu ein, über die Natur der Versuchung und die Konsequenzen der Hingabe an die Sünde nachzudenken.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- schönes Märchen
- Anapher
- Komm', komm' zu mir!
- Enjambement
- In meinem Arm ist seliges Verbluten ... Komm', komm' zu mir! Ich weiß ein schönes Märchen ...
- Hyperbel
- Und dein Herz ist krank
- Kontrast
- seliges Verbluten
- Metapher
- In meinem Arm ist seliges Verbluten
- Personifikation
- Allein die Sünde ist unendlich reich
- Synästhesie
- das Herz versengt