Strom
1949Du rinnst wie melodische Zeit, entrückst mich den Zeiten, Fern schlafen mir Fuß und Hand, sie schlafen an meinem Phantom. Doch die Seele wächst hinab, beginnt schon zu gleiten, Zu fahren, zu tragen, - und nun ist sie der Strom, Beginnt schon im Grundsand, im grauen, Zu tasten mit schwebend gedrängtem Gesicht, Beginnt schon die Ufer, die auf sie schauen, Spiegelnd zu haben und weiß es nicht.
In mir werden Eschen mit langen Haaren, Voll mönchischer Windlitanei, Und Felder mit Rindern, die sich paaren, Und balzender Vögel Geschrei. Und über Gehöft, Wiese, Baum Ist viel hoher Raum; Fische und Wasserratten und Lurche Ziehn, seine Träume, durch ihn hin. - So rausch ich in wärmender Erdenfurche, Ich spüre schon fast, dass ich bin:
Wie messe ich, ohne zu messen, den Flug der Tauben, So hoch und tief er blitzt, so tief und hoch mir ein! Alles ist an ein Jenseits nur Glauben, Und Du ist Ich, gewiss und rein.
Zuletzt steigen Nebel- und Wolkenzinnen In mir auf wie die göttliche Kaiserpfalz. Ich ahne, die Ewigkeit will beginnen Mit einem Duft von Salz.
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Interpretation
Das Gedicht "Strom" von Oskar Loerke handelt von der Verschmelzung des lyrischen Ichs mit dem Fluss und der damit verbundenen Auflösung der eigenen Identität. Der Fluss wird als Metapher für die Zeit und das Leben selbst verwendet. Das Ich versinkt in den Fluss, seine Glieder schlafen ein und seine Seele wächst hinab, um eins mit dem Strom zu werden. Es tastet den Grundsand ab und spiegelt die Ufer, ohne sich dessen bewusst zu sein. Im zweiten Teil des Gedichts werden die Bilder und Empfindungen beschrieben, die das Ich im Fluss wahrnimmt. Es sieht Eschen mit langen Haaren, Felder mit Rindern, balzende Vögel und Gehöfte. Fische, Wasserratten und Lurche ziehen durch den Fluss, der wie ein Traum erscheint. Das Ich fühlt sich eins mit der Erde und spürt ein wachsendes Selbstbewusstsein. Im dritten Teil des Gedichts reflektiert das Ich über die Unmöglichkeit, die Welt zu messen oder zu begreifen. Es vergleicht dies mit dem Flug der Tauben, der zu hoch und zu tief ist, um erfasst zu werden. Alles scheint nur durch Glauben erreichbar zu sein, und die Grenzen zwischen "Du" und "Ich" verschwimmen. Am Ende des Gedichts steigen Nebel und Wolken im Ich auf wie eine göttliche Kaiserpfalz. Das Ich ahnt, dass die Ewigkeit mit einem Duft von Salz beginnen wird.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- [Mit schwebend gedrängtem Gesicht Mönchischer Windlitanei Gehöft, Wiese, Baum Fische und Wasserratten und Lurche Wärmender Erdenfurche So hoch und tief er blitzt So tief und hoch mir ein]
- Hyperbel
- [Die Ewigkeit will beginnen]
- Metapher
- [Du rinnst wie melodische Zeit Und nun ist sie der Strom In mir werden Eschen mit langen Haaren Wie messe ich, ohne zu messen, den Flug der Tauben Zuletzt steigen Nebel- und Wolkenzinnen]
- Personifikation
- [Die Seele wächst hinab Die Ufer, die auf sie schauen Eschen mit langen Haaren Felder mit Rindern, die sich paaren Vögel Geschrei Fische und Wasserratten und Lurche ziehn, seine Träume, durch ihn hin Ich spüre schon fast, dass ich bin Alles ist an ein Jenseits nur Glauben Und Du ist Ich, gewiss und rein Die Ewigkeit will beginnen]
- Synästhesie
- [Mit einem Duft von Salz]
- Vergleich
- [Du rinnst wie melodische Zeit Wie messe ich, ohne zu messen, den Flug der Tauben]