Stirb, Lieb' und Freud'
1840Zu Augsburg steht ein hohes Haus, Nah bei dem alten Dom, Da tritt am hellen Morgen aus Ein Mägdelein gar fromm; Gesang erschallt, Zum Dome wallt Die liebe Gestalt.
Dort vor Marias heilig′ Bild Sie betend niederkniet, Der Himmel hat ihr Herz erfüllt, Und alle Weltlust flieht: “O Jungfrau rein! Laß mich allein Dein eigen sein!”
Alsbald der Glocke dumpfer Klang Die Betenden erweckt, Das Mägdlein wallt die Hall′ entlang, Es weiß nicht, was es trägt; Am Haupte ganz Von Himmelsglanz Einen Lilienkranz.
Mit Staunen schauen all′ die Leut′ Dies Kränzlein licht im Haar, Das Mägdlein aber wallt nicht weit, Tritt vor den Hochaltar: “Zur Nonne weiht Mich arme Maid! Stirb, Lieb′ und Freud′!”
Gott, gib, daß dieses Mägdelein Ihr Kränzlein friedlich trag′, Es ist die Herzallerliebste mein, Bleibt′s bis zum jüngsten Tag. Sie weiß es nicht, Mein Herz zerbricht, Stirb, Lieb′ und Licht!
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Interpretation
Das Gedicht "Stirb, Lieb' und Freud'" von Justinus Kerner erzählt die Geschichte eines frommen Mädchens, das in Augsburg lebt. Jeden Morgen verlässt sie ein hohes Haus in der Nähe des alten Doms, um zum Gebet zu gehen. Ihre Gestalt wird von Gesang begleitet, während sie sich zum Dom begibt. Dort kniet sie vor dem heiligen Bild der Maria nieder und ihr Herz wird vom Himmel erfüllt. Die weltliche Lust verblasst in ihrem Inneren, während sie zu Maria betet und darum bittet, ihr eigen zu sein. Als die Glocke die Betenden weckt, verlässt das Mädchen die Kirche und trägt einen Kranz aus Lilien auf dem Haupt, der von himmlischem Glanz umgeben ist. Die Menschen staunen über diesen Kranz im Haar des Mädchens, doch sie selbst begibt sich zum Hochaltar. Dort gelobt sie, Nonne zu werden und verzichtet auf Liebe und Freude in der Welt. Der Erzähler des Gedichts bittet Gott darum, dass das Mädchen friedlich ihren Kranz tragen möge, denn sie ist seine Herzallerliebste. Doch er weiß, dass sie es nicht weiß und sein Herz zerbricht. Er wünscht sich, dass sie bis zum jüngsten Tag bleibt, während er selbst stirbt, ohne Liebe und Licht.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Dort vor Marias heilig′ Bild
- Enjambement
- Gesang erschallt, / Zum Dome wallt / Die liebe Gestalt.
- Hyperbel
- Von Himmelsglanz Einen Lilienkranz
- Kontrast
- Stirb, Lieb′ und Freud′
- Metapher
- Gesang erschallt, Zum Dome wallt Die liebe Gestalt.
- Personifikation
- Der Himmel hat ihr Herz erfüllt
- Symbolik
- O Jungfrau rein! Laß mich allein Dein eigen sein!
- Wiederholung
- Stirb, Lieb′ und Freud′