Stintenburg

Friedrich Gottlieb Klopstock

1771

Insel der froheren Einsamkeit, Geliebte Gespielin des Wiederhalls Und des Sees, welcher itzt breit, dann, versteckt Wie ein Strom, rauscht an des Walds Hügeln umher,

Selber von steigenden Hügeln voll, Auf denen im Rohr die Moräne weilt, Sich des Garns Tücke nicht naht, und den Wurm An dem Stahl, leidend mit ihm, ferne beklagt.

Flüchtige Stunden verweilt’ ich nur An deinem melodischen Schilfgeräusch; Doch verlässt nie dein Phantom meinen Geist, Wie ein Bild, welches mit Lust Geniushand

Bildete, trotzt der Vergessenheit! Der Garten des Fürsten verdorrt, und wächst Zu Gesträuch, über des Strauchs Wildniss hebt Sich der Kunst meisterhaft Werk daurend empor.

Neben dir schattet des Sachsen Wald, Sein Schwert war entscheidend, und kurz sein Wort! Und um dich glänzeten nie Schilde Roms, Sein Despot sendete nie Adler dir zu!

Ruhiger wandelt’ in deinem Thal Der Göttinnen beste, die sanfte Hlyn. Es erscholl freudiges Klangs Braga’s Lied Um dich her, mischte nicht ein Rufe der Schlacht.

Über dem stolzeren Strome nur, Der Ham sich vorüber ins Meer ergiesst, Da umgab Blut den Bardiet, liess den Speer Mit des Lieds schreckendem Drohn fliegen der Gott!

Aber wenn Hertha zum Bade zog, So eilete Braga zu dir zurück, So begann Lenzmelodie, liess der Gott Bey des Lieds Tanze dahin sinken den Speer.

Seines Gesanges erschallet noch; Mich lehret er älteren deutschen Ton, Wenn entwölkt wallet der Mond, und es sanft Um das Grab derer ertönt, welchen er sang.

Horchend dem lehrenden Liede, säng' Ich deinen Bepflanzer, o Insel, nähm' Ich des Hains Flügel, nnd eilt’, heilig Laub In der Hand, ihm, wo der Ruhm ewiget, nach!

Aber entweihet, entweihet ward Die Leyer, die Flüge des Lobes flog! Dem Verdienst selten getreu, rauschte sie Um das Ohr dess, der an That dürftig, verschwand.

Leyer des heiligen Bardenhais, Verwünsche des Ehreverschwenders Lied, So zuerst, trügenden Glanz, den besang! Und der That lautes Verbot, das nicht vernahm!

Kühner Verschwender! nun glauben sie Der edleren Dichter Gesange nicht; (Es verweh, so wie der Staub jenes Maals, Dess Ruin sinket, es geh unter dein Lied!)

Täuschen sich, kältere Zweifler noch, Wenn jeden geflügelten Silberton, So den Schwung über des Hains Wipfel schwingt, Das Verdienst dessen gebot, welchen ihr sangt.

Ja du Verschwender! nun strömt mein Herz In höheren wahren Gesang nicht aus! Es verweh, so wie der Staub jenes Maals, Dess Ruin sinket, es geh unter dein Lied!

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Illustration zu Stintenburg

Interpretation

Das Gedicht "Stintenburg" von Friedrich Gottlieb Klopstock beschreibt eine Insel als Ort der Einsamkeit und Ruhe, die der Dichter nur kurz besuchte, aber deren Bild nie seinen Geist verließ. Die Insel wird als idyllischer Ort dargestellt, an dem die Göttin Hlyn wandelte und der Barde Braga seine Lieder sang, ohne von den Klängen der Schlacht gestört zu werden. Der Dichter erinnert sich an die Lehren des Barden und möchte dessen Werk ehren, indem er ein Loblied auf den Bepflanzer der Insel singt. Jedoch wurde die Leier des heiligen Bardenhais entweiht und verflucht, da sie dem Verdienst selten treu blieb und um das Ohr dessen rauschte, der an Taten dürftig war und verschwand. Der Dichter kritisiert den kühnen Verschwender, der die edleren Dichtergesänge unglaubwürdig machte. Trotzdem glaubt der Dichter, dass die Verdienste derer, die besungen wurden, nicht zu täuschen sind und dass jeder geflügelte Silberton den Schwung über die Wipfel schwingt, den das Verdienst gebot. Am Ende des Gedichts drückt der Dichter seine Enttäuschung darüber aus, dass sein Herz nicht mehr in höhere, wahre Gesänge ausströmt, da die Leier entweiht wurde. Er wünscht, dass das Lied des Verschwenders untergehe, so wie der Staub jener Zeit, deren Ruin sinkt. Das Gedicht reflektiert über die Vergänglichkeit von Ruhm und die Bedeutung von Verdienst und Wahrheit in der Dichtkunst.

Schlüsselwörter

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Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
entwölkt wallet der Mond
Hyperbel
Bildete, trotzt der Vergessenheit
Kontrast
Es verweh, so wie der Staub jenes Maals, Dess Ruin sinket, es geh unter dein Lied
Metapher
Jeden geflügelten Silberton
Personifikation
Kühner Verschwender! nun glauben sie Der edleren Dichter Gesange nicht