Stiller Augenblick
1890Fliehendes Jahr, in duftigen Schleiern Streifend an abendrötlichen Weihern, Wallest du deine Bahn; Siehst mich am kühlen Waldsee stehen, Wo an herbstlichen Uferhöhen Zieht entlang ein stummer Schwan.
Still und einsam schwingt er die Flügel, Tauchet in den Wasserspiegel, Hebt den Hals empor und lauscht; Taucht zum andern Male nieder, Richtet sich auf und lauschet wieder, Wie’s im flüsternden Schilfe rauscht.
Und in seinem Tun und Lassen Will’s mich wie ein Traum erfassen, Als ob’s meine Seele wär, Die verwundert über das Leben, Über das Hin- und Widerschweben, Lugt’ und lauschte hin und her.
Atme nur in vollen Zügen Dieses friedliche Genügen Einsam auf der stillen Flur! Und hast du dich klar empfunden, Mögen enden deine Stunden, Wie zerfließt die Schwanenspur!
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Interpretation
Das Gedicht "Stiller Augenblick" von Gottfried Keller beschreibt einen ruhigen und nachdenklichen Moment am Waldsee, wo der Sprecher einen Schwan beobachtet. Die Stimmung ist von einer tiefen Ruhe und Einsamkeit geprägt, die durch die herbstliche Umgebung und die langsame Bewegung des Schwans verstärkt wird. Die Natur wird als friedlich und fast traumhaft dargestellt, was eine Verbindung zwischen dem Beobachter und dem Geschehen herstellt. Der Schwan wird als stilles und einsames Wesen beschrieben, das sich langsam im Wasser bewegt. Seine Bewegungen werden mit einer gewissen Anmut und Bedächtigkeit ausgeführt, was die ruhige Atmosphäre des Gedichts unterstreicht. Der Sprecher fühlt sich tief mit dem Schwan verbunden, als ob dessen Tun und Lassen seinen eigenen inneren Zustand widerspiegeln würde. Diese Verbindung wird als fast spirituell beschrieben, wobei der Schwan als Spiegel der Seele des Sprechers dient. Die abschließenden Zeilen des Gedichts laden den Leser ein, diesen friedlichen Moment in vollen Zügen zu genießen und sich selbst in ihm zu finden. Der Vergleich der Schwanenspur mit dem Verstreichen der Zeit deutet auf die Vergänglichkeit des Lebens hin. Das Gedicht endet mit einer Aufforderung, die Ruhe und den Frieden des Moments zu umarmen, bevor die Zeit unaufhaltsam weitergeht.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Bildsprache
- abendrötlichen Weihern
- Metapher
- die Schwanenspur
- Personifikation
- die verwundert über das Leben
- Symbolik
- stummer Schwan
- Vergleich
- Will's mich wie ein Traum erfassen