Sternlose Nacht

Bruno Wille

1860

Gewölk hat umgebracht Den letzten Sternenfunken; In rabenschwarze Nacht Ist Fels und Tann versunken.

Ich bin ein Erlenstumpf, Dran bleicher Moder glimmert, Ein gärend fauler Sumpf, Wo scheu das Irrlicht flimmert.

Unheimlich düstre Welt, Du Tummelplatz für Toren! Bin gänzlich unbestellt In dich hineingeboren.

Sag an, was hast du für Mit deinem bangen Kinde? Und hast du keine Tür, Wo ich den Ausgang finde?

Gewölk hat umgebracht Den letzten Sternenfunken; In rabenschwarze Nacht Ist Fels und Tann versunken.

Mein Leben schäumend rann, Ein Sturzbach zwischen Steinen. Was ich dabei gewann? O bitter möcht’ ich weinen!

Einst ward ich schmuck und neu Als Menschlein eingekleidet. Doch alles Fleisch ist Heu, Und horch, die Sense schneidet.

Ach wohl, die Jugend reicht Den süßen Taumelbecher. Doch Rausch und Minne weicht, Und Reue weckt den Zecher.

Um jeden Bissen Brot Muss hart der Froner schanzen; Sonst hockt die hagre Not Auf seinem leeren Ranzen.

Mach dich nicht gar zu breit, Du Herr im güldnen Hause! Ohn End ist Ewigkeit, Und schmal die letzte Klause.

Poch nicht auf Ehr und Zier! Fortuna hat’s geliehen. Der Hobler wird auch dir Ein Linnenkleid anziehen,

Zum Pfühle untern Kopf Zwei Handvoll Späne schieben… Nun denke nach, du Tropf, Wie närrisch du’s getrieben!

Gewölk hat umgebracht Den letzten Sternenfunken; In rabenschwarze Nacht Ist Fels und Tann versunken.

Und wie ich ratlos bang Ins dunkle Rätsel staune, Horch, sanfter Wiegensang, Ein wogend Waldgeraune:

“Nur stille, Menschenkind! Was helfen deine Sorgen? Die Augen schließe lind! Derweilen wächst das Morgen.”

Die Nacht hat ihren Tau, Auf dass der Maien blühe, Und aus dem Wolkengrau Entsprießt die Purpurfrühe.

Soll nicht der Sagenstein, Wo wüste Tannen dunkeln, Ein Königspalast sein Und einst entzaubert funkeln?

Zuvor im Puppenkleid, Will diese trübe Erden Am Glanz der Ewigkeit Ein Himmelsfalter werden.

Und ob die Wolke hüllt Den letzten Sternenfunken, Dein Traum wird noch erfüllt: Du schaust - von Sternen trunken.

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Illustration zu Sternlose Nacht

Interpretation

Das Gedicht "Sternlose Nacht" von Bruno Wille thematisiert die Dunkelheit und Verzweiflung des menschlichen Daseins. Die erste Strophe beschreibt eine sternenlose Nacht, in der Fels und Tann in die Dunkelheit versunken sind. Der Sprecher fühlt sich wie ein Erlenstumpf, an dem bleicher Moder glimmt, und wie ein fauler Sumpf, in dem sich ein Irrlicht versteckt. Die Welt wird als unheimlich und düster dargestellt, ein Ort, an dem sich Narren tummeln. Der Sprecher fühlt sich unvorbereitet und verloren in dieser Welt. In den folgenden Strophen reflektiert der Sprecher über das Leben und die Vergänglichkeit. Das Leben fließt wie ein Sturzbach zwischen Steinen dahin, und am Ende bleibt nur bittere Trauer. Die Jugend bringt süßen Taumel, aber Rausch und Minne weichen, und Reue weckt den Zecher. Das Gedicht beschreibt die Härte des Lebens, in der man für jeden Bissen Brot hart arbeiten muss. Es warnt davor, sich zu sehr auf weltlichen Besitz und Ehre zu verlassen, da Fortuna sie nur geliehen hat. Am Ende wird jeder, auch der Herr im güldnen Hause, in ein einfaches Linnenkleid gekleidet und auf einen Strohhalm als Kopfkissen gelegt. Trotz der Dunkelheit und Verzweiflung gibt es am Ende des Gedichts einen Hoffnungsschimmer. Der Sprecher hört einen sanften Wiegensang und ein wogendes Waldgeraune, das ihm sagt, er solle still sein und die Augen schließen, denn während er schläft, wächst der Morgen. Die Nacht hat ihren Tau, damit der Mai blühen kann, und aus dem Wolkengrau entspringt die Purpurfrühe. Der Sagenstein, an dem düstere Tannen stehen, wird zu einem Königspalast und wird einst funkeln. Die trübe Erde wird am Glanz der Ewigkeit zu einem Himmelsfalter. Und selbst wenn die Wolke den letzten Sternenfunken verdeckt, wird der Traum des Sprechers erfüllt sein, und er wird, von Sternen berauscht, schauen.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Alliteration
Ein gärend fauler Sumpf, / Wo scheu das Irrlicht flimmert
Metapher
Und ob die Wolke hüllt / Den letzten Sternenfunken, / Dein Traum wird noch erfüllt: / Du schaust - von Sternen trunken
Personifikation
Die Nacht hat ihren Tau, / Auf dass der Maien blühe