Sterben und Auferstehn
1740Du Menschenkind, sieh um dich her… Und weißt du eine Lehre, Die größer und die tröstlicher Für uns hienieden wäre? –
Dort, wo die Siegespalmen wehn, Ist Sein nur, ist kein Werden, Kein Sterben und kein Auferstehn, Wie hier bei uns auf Erden.
Dort freun sie ewig ewig sich, Ist ewig Licht und Friede, Das Leben quillt dort mildiglich Aus sich, und wird nicht müde.
Doch dieser Unterwelt ist nicht Solch glorreich Los gegeben; Hier ist ohn Finsternis kein Licht, Und ohne Tod kein Leben.
Der Löwe liegt und fäult und schwellt – Dann geht vom Fresser Speise; Der Same in die Erde fällt Und stirbt, – und keimt dann leise.
Und die Natur ein Spiegel ist; Es wird darin vernommen: Was deinem Geist du schuldig bist Soll er zum Leben kommen.
Willst du wahrhaftig glücklich sein, Auf festem Grunde bauen; Mußt du den Dornenweg nicht scheu’n, Der Rosenbahn nicht trauen.
Einst war ein großer Mann bedacht Uns darin einzuweihen, Und führte durch die lange Nacht Das Volk zum Fest der Maien.
Drum spare dir viel Ungemach, Du Menschenkind, und höre, Und denke der Verleugnung nach, Und jener großen Lehre.
In uns ist zweierlei Natur, Doch ein Gesetz für beide; Es geht durch Tod und Leiden nur Der Weg zur wahren Freude.
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Interpretation
Das Gedicht "Sterben und Auferstehn" von Matthias Claudius behandelt die existenzielle und spirituelle Bedeutung von Leben, Tod und Auferstehung. Claudius stellt die Frage nach einer größeren und tröstlicheren Lehre für die Menschen auf Erden und verweist auf die Unsterblichkeit und das ewige Leben in der himmlischen Sphäre. Dort herrscht ewiges Licht, Frieden und ein unermüdliches Leben, während auf Erden Tod und Finsternis notwendige Bestandteile des Lebens sind. Die Natur dient als Spiegelbild für die geistige Entwicklung des Menschen, wobei der Weg zur wahren Freude nur durch Leid und Tod möglich ist. Claudius verwendet Naturmetaphern wie den Löwen, der sich zersetzt und als Nahrung dient, sowie den Samen, der in die Erde fällt und stirbt, um dann zu keimen. Diese Bilder verdeutlichen den Kreislauf von Leben, Tod und Wiedergeburt. Der Dichter betont, dass der Mensch, um wahrhaftig glücklich zu sein, den schwierigen Weg der Dornen nicht scheuen und sich nicht auf die einfache Rosenbahn verlassen darf. Er verweist auf einen großen Mann, der das Volk durch die Nacht zum Fest der Maien führte, was als Anspielung auf Jesus Christus und seine Auferstehung interpretiert werden kann. Das Gedicht schließt mit der Aussage, dass in jedem Menschen zwei Naturen existieren, aber ein einziges Gesetz für beide gilt: Der Weg zur wahren Freude führt nur durch Tod und Leiden. Claudius ermutigt den Menschen, über die Verleugnung und die große Lehre nachzudenken und sich auf den beschwerlichen Weg einzulassen, um letztendlich das ewige Leben und die wahre Freude zu erlangen.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Allegorie
- Und führte durch die lange Nacht Das Volk zum Fest der Maien
- Anapher
- Dort, wo die Siegespalmen wehn, Ist Sein nur, ist kein Werden, Kein Sterben und kein Auferstehn
- Hyperbel
- Einst war ein großer Mann bedacht Uns darin einzuweihen
- Kontrast
- Hier ist ohn Finsternis kein Licht, Und ohne Tod kein Leben
- Metapher
- Und die Natur ein Spiegel ist
- Oxymoron
- Willst du wahrhaftig glücklich sein, Auf festem Grunde bauen; Mußt du den Dornenweg nicht scheu’n, Der Rosenbahn nicht trauen
- Parallelismus
- Kein Sterben und kein Auferstehn, Wie hier bei uns auf Erden
- Personifikation
- Das Leben quillt dort mildiglich Aus sich, und wird nicht müde
- Rhetorische Frage
- Du Menschenkind, sieh um dich her... Und weißt du eine Lehre, Die größer und die tröstlicher Für uns hienieden wäre?