Stationen

Kurt Tucholsky

1930

Erst gehst du umher und suchst an der Frau das, was man anfassen kann. Wollknäul, Spielzeug und Kätzchen-Miau du bist noch kein richtiger Mann. Du willst eine lustig bewegte Ruh: sie soll anders sein, aber sonst wie du… Dein Herz sagt: Max und Moritz!

Das verwächst du. Dann langt’s nicht mit dem Verstand. Die Karriere! Es ist Zeit…! Eine kluge Frau nimmt dich an die Hand in tyrannischer Mütterlichkeit. Sie passt auf dich auf. Sie wartet zu Haus. Du weinst dich an ihren Brüsten aus… Dein Herz sagt: Mutter.

Das verwächst du. Nun bist du ein reifer Mann. Dir wird etwas sanft im Gemüt. Du möchtest, dass im Bett nebenan eine fremde Jugend glüht. Dumm kann sie sein. Du willst: junges Tier, ein Reh, eine Wilde, ein Elixier. Dein Herz sagt: Erde.

Und dann bist du alt. Und ist es soweit, dass ihr an der Verdauung leidet: dann sitzt ihr auf einem Bänkchen zu zweit, als Philemon und Baucis verkleidet. Sie sagt nichts. Du sagst nichts. Denn ihr wisst, wie es im menschlichen Leben ist… Dein Herz, das so viele Frauen besang, dein Herz sagt: “Na, Alte…?” Dein Herz sagt: Dank.

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Illustration zu Stationen

Interpretation

Das Gedicht "Stationen" von Kurt Tucholsky beschreibt die verschiedenen Lebensphasen eines Mannes und seine Beziehungen zu Frauen in diesen Phasen. Es beginnt mit der jugendlichen Suche nach einer Frau, die als "Wollknäuel, Spielzeug und Kätzchen-Miau" beschrieben wird, was eine naive und unreife Sicht auf Frauen widerspiegelt. Der Mann sucht nach einer "lustig bewegten Ruh", einer Partnerin, die anders ist, aber trotzdem ähnlich wie er selbst. Das Herz des Mannes sehnt sich nach "Max und Moritz", was auf eine spielerische und kindliche Anziehung hinweist. In der zweiten Phase des Lebens hat der Mann seine unreife Sichtweise überwunden und sucht nun eine "kluge Frau", die ihn in seiner Karriere unterstützt und ihm eine "tyrannische Mütterlichkeit" entgegenbringt. Diese Frau nimmt ihn "an die Hand" und passt auf ihn auf, während er seine beruflichen Ziele verfolgt. Das Herz des Mannes sehnt sich nach einer "Mutter", was auf eine Sehnsucht nach Geborgenheit und Fürsorge hinweist. In der dritten Phase ist der Mann ein "reifer Mann" und sehnt sich nach einer "fremden Jugend", die im Bett nebenan glüht. Er möchte eine junge, wilde und leidenschaftliche Frau, die ihm als "Elixier" dient. Das Herz des Mannes sehnt sich nach der "Erde", was auf eine Sehnsucht nach Vitalität und Lebensenergie hindeutet. Im Alter sitzen der Mann und seine Frau schließlich zu zweit auf einem Bänkchen, als "Philemon und Baucis verkleidet". Sie schweigen und wissen um die Vergänglichkeit des Lebens. Das Herz des Mannes, das so viele Frauen besungen hat, sagt "Na, Alte...?" und "Dank", was auf eine tiefe Verbundenheit und Dankbarkeit für die gemeinsam verbrachte Zeit hindeutet.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Alliteration
lustig bewegte Ruh
Anspielung
Max und Moritz, Philemon und Baucis
Kontrast
Du möchtest, dass im Bett nebenan eine fremde Jugend glüht
Metapher
Wollknäul, Spielzeug und Kätzchen-Miau
Personifikation
Dein Herz sagt: Max und Moritz!
Rhetorische Frage
Na, Alte...?
Symbolik
Erde
Vergleich
als Philemon und Baucis verkleidet
Wiederholung
Das verwächst du.