Stammtisch der Vorgeschrittenen

Hanns von Gumppenberg

1929

(nach stefan george)

die hölzer schwedens harren auf dem tische beflimmert von dem blendeglanz der birnen und säfte warten, schwül verführerische zu röten feuchte längst erblaßte stirnen

die fahlen bärte formen sich bewußter die augen tränen in verborgnen träumen und durch das fenster zischelt der liguster und heisern regens trübes gossenschäumen

wir schaun uns fragend in die leeren höhlen und wissen nicht, was wir uns sagen sollen: es netzt uns heilig mit gesparten ölen ein weiheguß den wir nicht deuten wollen

Anhören

Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Illustration zu Stammtisch der Vorgeschrittenen

Interpretation

Das Gedicht "Stammtisch der Vorgeschrittenen" von Hanns von Gumppenberg zeichnet ein Bild einer Gruppe von Menschen, die in einer Taverne oder einem ähnlichen Lokal zusammengekommen sind. Die Stimmung ist gedrückt und melancholisch, wie die "beflimmerten" Holzstühle und die "verführerischen" Säfte, die darauf warten, "feuchte längst erblaßte Stirnen" zu röten, andeuten. Die Anwesenden selbst sind ebenfalls von dieser Stimmung betroffen, ihre Bärte haben sich "bewußter" geformt und ihre Augen "tränen in verborgnen Träumen". Die Umgebung trägt ebenfalls zur Schwermut bei, mit dem "Liguster", der durch das Fenster "zischelt", und dem "trüben Gossenschäumen" des Regens. Die Gruppe scheint in einer Art Schwebezustand zu sein, wie die "leeren Höhlen" ihrer Blicke andeuten. Sie wissen nicht, was sie einander sagen sollen, was auf eine gewisse Distanz oder Unsicherheit in ihren Beziehungen hindeuten könnte. Die "heiligen Öle" und der "Weiheguß", mit dem sie "genetzt" werden, könnten auf eine Art spirituelle oder emotionale Reinigung hindeuten, die sie nicht zu deuten wagen. Dies könnte als eine Art Resignation oder als eine bewusste Entscheidung interpretiert werden, die Bedeutung ihrer Erfahrungen nicht zu hinterfragen. Insgesamt vermittelt das Gedicht eine Atmosphäre der Introspektion und des Unbehagens. Die Anwesenden scheinen in einer Art Limbus gefangen zu sein, unfähig, ihre Gefühle oder Gedanken auszudrücken, und möglicherweise auch unfähig, den Sinn ihrer Zusammenkunft zu erkennen. Die Bildsprache des Gedichts, mit ihren Verweisen auf Natur und Spirituelles, verleiht der Szene eine gewisse Tiefe und Komplexität, die den Leser dazu einlädt, über die Natur menschlicher Beziehungen und Erfahrungen nachzudenken.

Schlüsselwörter

stefan george hölzer schwedens harren tische beflimmert blendeglanz

Wortwolke

Wortwolke zu Stammtisch der Vorgeschrittenen

Stilmittel

Alliteration
beflimmert von dem blendeglanz der birnen
Anspielung
(nach stefan george)
Bildlichkeit
und säfte warten, schwül verführerische
Enjambement
wir schaun uns fragend in die leeren höhlen
Kontrast
zu röten feuchte längst erblaßte stirnen
Metapher
die hölzer schwedens harren auf dem tische
Personifikation
die augen tränen in verborgnen träumen
Symbolik
und heisern regens trübes gossenschäumen