Stammbuchblätter

Annette von Droste-Hülshoff

1844

Mit Lauras Bilde Im Namen eines Freundes

Um einen Myrtenzweig sich zu ersingen Schickt seinen Schwan Petrarka Lauren nach, Mit Lorbeerreisern füllt er das Gemach, Doch kann er in den Myrtenhain nicht dringen.

Da zieht er durch die Welt mit hellem Klingen, Schlägt mit den Flügeln an das teure Haus, Man reicht ihm den Zypressenkranz hinaus, Allein die Myrte kann er nicht erringen.

Mein Freund, wohl ist der Lorbeer uns versagt, Doch laß uns um den schnöden Preis nicht klagen, Von Dornen und Zypressen rings umragt.

Will es in einer Laura Blick mir tagen, Dann hab′ ich gern dem schweren Kranz entsagt, Die kleine Myrte läßt sich leichter tragen.

An Henriette von Hohenhausen

Wie lieb, o Nähe; Ferne, ach wie leid; Wie bald wird Gegenwart Vergangenheit! Warum hat Trauer denn so matten Schritt, Da doch so leicht die frohe Stunde glitt? Ach, wer mir liebe Stunden könnte bannen, Viel werter sollt′ er sein, als der vermöchte Der trüben schlaffe Sehnen anzuspannen, Denn Leid im Herzen wirbt sich teure Rechte, Und wer es nimmt, der nimmt ein Kleinod mit.

Reich mir die Hand! du hast mich froh gemacht. In öder Fremde hab′ ich dein gedacht, Werd′ oft noch sinnen deinem Blicke nach, So mildes Auge hellt den trübsten Tag. Laß Ferne denn zur Nähe sich gestalten Durch Wechselwort und inniges Gedenken. Reich mir die Hand! — ich will sie treulich halten, Und drüber her mag immergrün sich senken Der Tannenzweig, ein schirmend Wetterdach.

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Illustration zu Stammbuchblätter

Interpretation

Das Gedicht "Stammbuchblätter" von Annette von Droste-Hülshoff besteht aus drei Teilen, die jeweils einem anderen Freund gewidmet sind. Der erste Teil ist an einen Freund gerichtet, der mit Laura, der Geliebten Petrarcas, verglichen wird. Der Sprecher preist die Vorzüge der kleinen Myrte gegenüber dem Lorbeer und dem Zypressenkranz, die für Ruhm und Trauer stehen. Die Myrte symbolisiert die bescheidene, aber innige Liebe, die leichter zu tragen ist als der schwere Kranz des Ruhms. Der zweite Teil ist an Henriette von Hohenhausen gerichtet, eine enge Freundin der Dichterin. Der Sprecher drückt seine Sehnsucht nach der Nähe und seine Trauer über die Ferne aus. Er wünscht sich, die schönen Stunden mit ihr festhalten zu können, aber er weiß, dass die Zeit unaufhaltsam vergeht. Er bittet sie, ihm die Hand zu reichen und die Freundschaft durch Briefe und Erinnerungen lebendig zu halten. Er vergleicht die Freundschaft mit einem Tannenzweig, der sie vor dem Sturm des Lebens schützt. Der dritte Teil ist nicht erhalten, aber es ist anzunehmen, dass er ebenfalls einem Freund gewidmet war. Das Gedicht zeigt die verschiedenen Facetten der menschlichen Beziehungen: die Liebe, die Freundschaft und die Sehnsucht. Droste-Hülshoff verwendet dabei eine klare, bildhafte Sprache und eine abwechslungsreiche Strophenform.

Schlüsselwörter

kann teure myrte laß will hab nähe ferne

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Stilmittel

Kontrast
Wie lieb, o Nähe; Ferne, ach wie leid
Metapher
Der Tannenzweig, ein schirmend Wetterdach
Personifikation
Schlägt mit den Flügeln an das teure Haus