Städter

Alfred Wolfenstein

1914

Nah wie Löcher eines Siebes stehn Fenster beieinander, drängend fassen Häuser sich so dicht an, dass die Straßen Grau geschwollen wie Gewürgte sehn.

Ineinander dicht hineingehakt Sitzen in den Trams die zwei Fassaden Leute, wo die Blicke eng ausladen Und Begierde ineinander ragt.

Unsre Wände sind so dünn wie Haut, Dass ein jeder teilnimmt, wenn ich weine, Flüstern dringt hinüber wie Gegröhle:

Und wie stumm in abgeschlossner Höhle Unberührt und ungeschaut Steht doch jeder fern und fühlt: alleine.

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Illustration zu Städter

Interpretation

Das Gedicht "Städter" von Alfred Wolfenstein zeichnet ein düsteres Bild des städtischen Lebens. Die Stadt wird als ein Ort der Enge und des Drucks dargestellt, in dem die Menschen eng beieinander leben, aber dennoch isoliert und allein sind. Die metaphorische Sprache, wie "Fenster stehen nah wie Löcher eines Siebes" und "Häuser fassen sich so dicht an, dass die Straßen grau geschwollen wie Gewürgte sehn", unterstreicht die erdrückende Atmosphäre der Stadt. Die zweite Strophe veranschaulicht die Nähe der Menschen zueinander in der Stadt. Die Menschen sitzen "ineinander dicht hineingehakt" in den Straßenbahnen, ihre Blicke sind eng und ihre Begierden ragen ineinander. Trotz dieser physischen Nähe bleibt eine emotionale Distanz bestehen. Die Wände sind "so dünn wie Haut", dass man die Gefühle der Nachbarn spürt, aber dennoch fühlt sich jeder "fern und fühlt: alleine". Dies verdeutlicht die paradoxe Natur des städtischen Lebens - die Menschen sind nah beieinander, aber dennoch emotional isoliert. Insgesamt vermittelt das Gedicht eine tiefgreifende Kritik am modernen Stadtleben. Es zeigt, wie die physische Nähe der Menschen in der Stadt nicht zwangsläufig zu einer emotionalen Verbundenheit führt. Stattdessen führt sie oft zu einem Gefühl der Isolation und Einsamkeit. Das Gedicht regt zum Nachdenken über die Natur des städtischen Lebens und die menschliche Existenz in der modernen Welt an.

Schlüsselwörter

dicht ineinander jeder nah löcher siebes stehn fenster

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Stilmittel

Bildsprache
Unsre Wände sind so dünn wie Haut, dass ein jeder teilnimmt, wenn ich weine
Metapher
Wände sind so dünn wie Haut
Personifikation
Begierde ragt ineinander
Vergleich
Grau geschwollen wie Gewürgte