St. Onofrio

Wilhelm Friedrich Waiblinger

1804

Wahrlich, o Roma, du bist an bezauberndem Wechsel ein Wunder, Nur wer dich siehet, erkennt, was du dem Glücklichen bist. Selbst der schweigende Gott, wenn der staunende Wandrer ihn fraget, Deutet aufs ewige Buch, das die Geschichte sich nennt, Denn, was der Schöpfung er ist, das ist Roma der Welt, und ihr Schicksal Fiel aus der Urne, wie nur Einer Kronion es gab. Schaue die Tempel nur an, und die mächtigen Säulen, die herrlich Unterm erhabenen Schutt zweier Jahrtausende stehn! Tritt nur ins Pantheon ein, da lächelt′s ins heilige Dunkel, Oben voll heiterem Licht, schön wie der Himmel herab. Und kein verwegenes Wort, das empfindende Herz nur erreicht es; Aber das schönste ist Rom, was mir in Rom noch gefiel. Darum erwählet mein Herz mit deiner Pinienhügel Blühenden Gärten so gern, süßer Gianicolo, dich! Und ich entwandle dem Schwarm der rauschenden Straßen am Abend, Bis dein erquickendes Bild über dem Tiber erscheint. Dann erglüht mir das stumme Gemüth, und ich fliege dir sehnend, Wie der Mutter das Kind, heil′ger Onofrio, zu. Und du labst mich mit friedlichem Grün und einsamen Schatten, Wo ich so selig dich einst, Kloster und Kirche, begrüßt. Da ist Ruhe, da lispelt es kaum im zitternden Laube, Still, wie des Dichters Grab breitet das Plätzchen sich aus. Da mit unendlicher Lust eil′ ich ans moos′ge Gemäuer, Feuer und Nebel im Blick - Himmel und Roma vor mir! Und ich knie auf die steinerne Bank, und hinunter, hinunter Schau′ ich wie Zeus im Olymp, über die Herrliche hin. O weß Auge das Meer nie erblickt, weß Auge nicht Rom sah, Der hat die Welt und in ihr auch nicht den Schöpfer gesehen. Schweiget, ihr Worte, mir ist als erständen die Geister vom Grabe, Die ihr erhabenes Werk hier für die Nachwelt gebaut, Als erbraust′ ihr rauschendes Lied hoch über den Trümmern, Als erhübe die Zeit selber den Schicksalsgesang! Und doch lächelt der Himmel so voll unaussprechlicher Liebe, Ueber dem blühenden Kind, über der süßen Natur, Wie er′s, das blaue Auge voll tief wollüstigem Lichte Selig am Schöpfungstag einst auf die Stirne geküßt. Sieh nur hinunter, wie hold aus dem Laub die Limonien lachen, Wie aus dem Lorbeergesträuch marmorne Bilder erstehn! Wie mit unsäglicher Pracht die Villen Zypressen beschatten, Wie die Pinie so stolz über dem Kloster sich wölbt, Wie der Tiber am Schattengewölb von Adrians Grabe Trauernd sich schlängelt und dort Berge von Häusern durchirrt! Ueber der Rebe St. Peter sich thürmt in den glühenden Himmel, Ueber Palästen sich dort Reihen von Kuppeln erhöhn, Wie die gewaltigen Säulen und Obelisken sich heben Fern bis zu Cestius Grab, über der flammenden Stadt, Fremd in der fremden Welt Agrippa′s ernste Rotunda, Nero′s düsterer Thurm, Jupiter, dein Capitol, Romulus Hügel und grausig die Trümmer der stolzen Cäsare, Furchtbar, wie Felsen, die Gott strafend mit Blitzen zerschellt; Ueberall Tempel im Grün und entlang die unendlichen Gründe Bögen, in rosige Fluth himmlisch vom Abend getaucht. Götter, was all′? und das duft′ge Gebirg in verschämtem Erröthen, Zart und herrlich, wie nur Claud′ und der Schöpfer gemalt! O wie ein glühender Seufzer der liebenden seligen Schöpfung Dieser unsägliche Hauch über dem schmachtenden Bild. Blendend die glänzenden Höhen, vom bläulichen Haupt des Sorakte, Dünn, wie ein schwellend Gewand, dem sich ein Busen vertraut, Immer reiner und zärter hinab zum elysischen Tibur Bis wo der Cavo sich hold über Albano verklärt Auf in die Lüfte! welch strahlendes Meer von fluthendem Golde, Alles unendliche Licht, Himmel, mit dem du entzückst! Auf in die Lüfte! da fällt′s mir aufs Haupt wie heiliger Wahnsinn, Und ich drücke das Aug′ stumm mit den Händen mir zu, Und ich lege die brennende Stirn ans kalte Gemäuer, Und der entfesselte Geist ringt im vergehenden All, Und mir ist, als sänk′ ich hinab in den ewigen Abgrund, Ueber mir brauste das Meer, und mich verschlänge die Nacht!

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Illustration zu St. Onofrio

Interpretation

Das Gedicht "St. Onofrio" von Wilhelm Friedrich Waiblinger ist eine Ode an die Stadt Rom und ihre faszinierende Schönheit. Der Sprecher preist die Stadt als ein Wunder des bezaubernden Wechsels und betont, dass nur wer Rom sieht, versteht, was es für das Glückliche bedeutet. Die Tempel und Säulen, die unter dem Schutt zweier Jahrtausende stehen, werden als Symbole der ewigen Geschichte und des Schicksals Roms betrachtet. Der Sprecher beschreibt die Ruhe und den Frieden, den er auf dem Gianicolo-Hügel findet, wo er sich von den geschäftigen Straßen abwendet und auf das Bild über dem Tiber wartet. Er vergleicht seine Sehnsucht nach St. Onofrio mit der eines Kindes, das zur Mutter eilt. Die Kloster- und Kirchenanlage wird als Ort der Ruhe und Einsamkeit beschrieben, wo der Sprecher sich mit unendlicher Lust an das moosige Gemäuer lehnt und einen atemberaubenden Blick auf Rom und den Himmel hat. Das Gedicht endet mit einer ekstatischen Beschreibung der umgebenden Landschaft, von den glänzenden Höhen des Sorakte bis zum elysischen Tibur und dem Meer von fluthendem Gold. Der Sprecher fühlt sich von heiligem Wahnsinn ergriffen und versinkt in einen Zustand der Verzückung, in dem er das Gefühl hat, in den ewigen Abgrund zu sinken und von der Nacht verschlungen zu werden. Das Gedicht ist eine Hommage an die Schönheit und die spirituelle Kraft Roms, die den Sprecher in einen Zustand der Ekstase versetzt.

Schlüsselwörter

himmel ueber roma welt voll rom hinunter auge

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Stilmittel

Alliteration
Da ist Ruhe, da lispelt es kaum im zitternden Laube
Anapher
Ueberall Tempel im Grün und entlang die unendlichen Gründe
Apostrophe
Schweiget, ihr Worte, mir ist als erständen die Geister vom Grabe
Bildsprache
Und ich lege die brennende Stirn ans kalte Gemäuer
Enjambement
Und ich knie auf die steinerne Bank, und hinunter, hinunter / Schau' ich wie Zeus im Olymp, über die Herrliche hin.
Hyperbel
O weß Auge das Meer nie erblickt, weß Auge nicht Rom sah, / Der hat die Welt und in ihr auch nicht den Schöpfer gesehen.
Metapher
Und ich knie auf die steinerne Bank, und hinunter, hinunter / Schau' ich wie Zeus im Olymp, über die Herrliche hin.
Personifikation
Selbst der schweigende Gott, wenn der staunende Wandrer ihn fraget, / Deutet aufs ewige Buch, das die Geschichte sich nennt
Symbolik
Wie Zeus im Olymp
Vergleich
Wie der Mutter das Kind, heil'ger Onofrio, zu.
Übertreibung
Und mir ist, als sänk' ich hinab in den ewigen Abgrund