St. Jago in Chili
1905Bang ist der Tag, die Lüfte welk und trocken, In allen Kirchen wogt′s von frommen Bittern Um Regen – horch, was war das für ein Zittern? Und wieder – wieder – alle Pulse stocken.
Die Erde bebt – ein Gott bewegt die Glocken – Hinaus, hinaus! Von tausend Ungewittern Erbebt es unter uns, die Mauern splittern, Die Erde gähnt, es regnet Feuerflocken.
Und Sturz auf Sturz – auf aus den dumpfen Kammern Zerborstner Kirchen, Kerker, Hospitäler Stöhnt Hilferufen, Ächzen, Todesjammern.
Dort aber vor der Stadt durch Hain und Täler Fliehn Frauen, die ihr lachend Kind umklammern, Mit Schwarzen, die gerettet ihre Quäler.
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Interpretation
Das Gedicht "St. Jago in Chili" von Hermann Lingg beschreibt eine apokalyptische Naturkatastrophe, die die Stadt St. Jago in Chile heimsucht. Der erste Teil des Gedichts schildert die Vorboten des Unglücks, wie die trockene Luft, die Bitten um Regen und ein mysteriöses Zittern, das die Gemüter beunruhigt. Die Natur scheint aus dem Gleichgewicht geraten zu sein und ein unheilvolles Ereignis kündigt sich an. Im zweiten Teil des Gedichts bricht die Katastrophe dann in voller Härte aus. Die Erde bebt, als ob ein Gott die Glocken bewegt, und die Menschen werden in Panik versetzt. Die Stadt versinkt im Chaos, Mauern splittern, die Erde gähnt auf und Feuerflocken regnen vom Himmel. Die Zerstörung nimmt überhand und die Menschen sind hilflos den Naturgewalten ausgeliefert. Der letzte Teil des Gedichts zeigt das Ausmaß der Katastrophe. In den Trümmern der zerstörten Gebäude ertönt ein Hilfeschrei, der sich mit Ächzen und Todesjammern mischt. Doch inmitten des Grauens gibt es auch einen Hoffnungsschimmer: Frauen fliehen mit ihren Kindern durch Hain und Täler, und Schwarze, die ihre Peiniger retten. Dies deutet auf eine Solidarität und Menschlichkeit hin, die selbst in den schlimmsten Zeiten noch existiert.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Bang ist der Tag, die Lüfte welk und trocken
- Anapher
- Und wieder – wieder – alle Pulse stocken
- Hyperbel
- Von tausend Ungewittern Erbebt es unter uns
- Kontrast
- Dort aber vor der Stadt durch Hain und Täler Fliehn Frauen, die ihr lachend Kind umklammern, Mit Schwarzen, die gerettet ihre Quäler
- Metapher
- Ein Gott bewegt die Glocken
- Onomatopoesie
- Stöhnt Hilferufen, Ächzen, Todesjammern
- Personifikation
- Die Erde bebt