St. Helena

Auguste Kurs

1815

Es geht durch alle Länder Die Kunde auf und ab, Sie wollen den Kaiser holen Aus seinem Heldengrab.

Sie wollen ihn begraben Dort an der Seine Strand, Inmitten der Franzosen, Die seinen Stamm verbannt.

Die Kunde dringet endlich Bis nach St. Helena - Der große Kaiser hört sie In seinem Grabe da.

Er schlägt die glühn′den Augen Noch einmal wieder auf, Er steigt in nächt′ger Stunde Aus seiner Gruft herauf.

Auf öder Felsenhöhe Verweilt der mächt′ge Held, Und überschaut im Geiste Noch einmal seine Welt.

»Ich habe die Krone getragen. Die goldene Kaiserkron′, Ich blickte auf Millionen Hinab vom höchsten Thron.

Von Königen war gebildet Der Hof, der mich umgab, Ich hab′ über zahllose Heere Geschwungen den Feldherrnstab.

Sie hatten es geschworen Im hellen Sonnenlicht, Die Garde kann wohl sterben, Doch sie ergiebt sich nicht.

Sie haben mich verlassen In meiner höchsten Noth, Sie sind ihn nicht gestorben Den schönen Schlachtentod.

Nun wollen sie mich führen Inmitten ihrer Welt, Sie, die mich ausgestoßen, Die mir kein Band mehr hält.

In dumpfen Mausoleen Da weht nicht meine Luft, Was denkt ihr mich zu schließen In enger Mauern Gruft?

Des großen Weltmeers Wogen Umfluthen jetzt mein Grab, Sie brausen mir und rauschen Mein Schlummerlied hinab.

Ich ruh′, ein müder Krieger, Nun unterm Sternenzelt, Allein, wie ich gestanden, Als mir zu klein die Welt.

Mein Geist umschweift die Stätten, Wo ich die Schlachten schlug, Hier weilt er auf dem Felsen, Wo ich das Schwerste trug.

Die Asche mögt ihr hüten, Der Geist ist euch nicht nah, Und wer mich nennt, gedenken Wird er St. Helena.

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Illustration zu St. Helena

Interpretation

Das Gedicht "St. Helena" von Auguste Kurs erzählt von der Kunde, die sich über die Länder verbreitet, den Kaiser Napoleon Bonaparte aus seinem Heldengrab zu holen. Die Menschen wollen ihn an der Seine begraben, mitten unter den Franzosen, die seinen Stamm verbannt haben. Doch die Nachricht erreicht schließlich St. Helena, wo der große Kaiser in seinem Grab die Kunde hört. Er erwacht aus seinem Schlummer, steigt in nächtlicher Stunde aus seiner Gruft und verweilt auf einer öden Felsenhöhe. Dort überblickt er im Geiste noch einmal seine Welt und erinnert sich an seine Zeit als Kaiser, als er die goldene Kaiserkrone trug und auf Millionen hinabsah vom höchsten Thron. Napoleon denkt an seinen Hof, der aus Königen bestand, und an die zahllosen Heere, über die er den Feldherrnstab geschwungen hat. Er erinnert sich an den Schwur seiner Garde, die zwar sterben, sich aber nicht ergeben würde. Doch letztendlich haben sie ihn in seiner größten Not verlassen und sind ihm nicht den schönen Schlachtentod gestorben. Nun wollen sie ihn inmitten ihrer Welt führen, obwohl sie ihn ausgestoßen haben und keine Bande mehr zu ihm halten. Napoleon lehnt dies ab, denn er fühlt sich in dumpfen Mausoleen nicht wohl und möchte nicht in einer engen Mauergruft eingeschlossen werden. Stattdessen umfluten die Wellen des großen Weltmeeres sein Grab auf St. Helena und rauschen ihm sein Schlummerlied hinab. Napoleon ruht nun als müder Krieger unter dem Sternenzelt, allein, wie er einst stand, als ihm die Welt zu klein wurde. Sein Geist umweht die Stätten, wo er die Schlachten geschlagen hat, und verweilt auf dem Felsen, wo er das Schwerste getragen hat. Die Asche mögen die Menschen hüten, doch der Geist ist ihnen nicht nah. Wer Napoleon nennt, wird an St. Helena denken, wo er seine letzte Ruhe gefunden hat.

Schlüsselwörter

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Wortwolke

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Stilmittel

Anapher
Die goldene Kaiserkron′, / Die goldene Kaiserkron′
Bildsprache
Auf öder Felsenhöhe / Verweilt der mächt′ge Held
Hyperbel
Ich blickte auf Millionen / Hinab vom höchsten Thron
Kontrast
Sie wollen ihn begraben / Dort an der Seine Strand, / Inmitten der Franzosen, / Die seinen Stamm verbannt
Metapher
Es geht durch alle Länder / Die Kunde auf und ab
Personifikation
Die Kunde dringet endlich / Bis nach St. Helena
Rhetorische Frage
Was denkt ihr mich zu schließen / In enger Mauern Gruft?
Symbolik
Des großen Weltmeers Wogen / Umfluthen jetzt mein Grab