Sprüche

Emmanuel Geibel

1815

(1)

Sollt’ ein schönes Glück mich kränken, Weil es allzu rasch entfloh? Kurz Begegnen, lang Gedenken Macht die Seele reich und froh.

Wenn du des Daseins Kranz zu erwerben, Wenn du dich selbst zu vollenden begehrst, Leb’, als müsstest du morgen sterben, Streb’, als ob du unsterblich wärst.

Tu du redlich nur das deine, Tu’s in Schweigen und Vertraun, Rüste Balken, haue Steine! Gott der Herr wird baun.

Nur das mag wie mit festem Erz In Freundschaft zwei Genossen binden, Wenn Geist und Geist sich, Herz und Herz In einem höhern Dritten finden.

Lorbeer ist ein bittres Blatt Dem, der’s sucht, und dem, der’s hat.

Willst du Großes, lass das Zagen, Tu nach kühner Schwimmer Brauch! Rüstig gilt’s, die Flut zu schlagen, Doch es trägt die Flut dich auch.

Ein Segen ruht im schweren Werke; Dir wächst, wie du’s vollbringst, die Stärke; Bescheiden zweifelnd fingst du’s an Und stehst am Ziel, ein ganzer Mann.

Nur zu oft vom Born entfernt Trübt die Welle sich, die klare; Heil, wem das Unmittelbare Blieb, als er die Kunst gelernt!

Das Mannigfaltige Lässt sich erlernen; Das Urgewaltige Kommt von den Sternen.

Begeistrung ist aus Gott ein Funken, Sie ruht gleich ihm voll Schöpferlust Ganz ins geliebte Werk versunken Und schwebt doch drüber klarbewusst.

Wenn Schuld und Kummer dich bedrängen, Die Beicht’ erleichtert dir das Herz; Der Dichter beichtet in Gesängen Sich rein von Leidenschaft und Schmerz.

Werden dir des Geistes Schwingen Matt im Flug, so lass sie ruhn! Schönes lässt sich nicht erzwingen, Gutes kannst du heut auch tun.

Was mich süßer fast wie du, Lenz, erquickt und tränkt? Sonnenklare Herbstesruh’, Welche dein gedenkt.

Das hat der Alte voraus vor dem Jungen, Dass er im Heut zugleich das Gestern lebt, Und dass ein Festkranz von Erinnerungen Sich ihm um jede gute Stunde webt.

Ahnung sieht vom fernen Gipfel Oft das Künft’ge scharf und klar; Näher decken Busch und Wipfel, Was von weitem deutlich war.

Mit Koffern, Schachteln, Reisesäcken Dein Glück zu suchen ziehst du aus? Freund, nimm den leichten Wanderstecken, Du bringst es wahrlich ehr nach Haus.

Was ich wünschte vor manchem Jahr, Hat das Leben mir nicht beschert, Aber es hat mich dafür gelehrt, Dass mein Wunsch ein törichter war.

Zweifelhaften Talenten helfen, Wie oft im Zorn verschwur ich’s schon! Doch kam dann eins nur durch von zwölfen, So trug’s für alle Frucht und Lohn.

So Lob als Tadel unverdrossen Lass, Künstler, über dich ergehn! Du weißt, der Schaum ist bald zerflossen, Doch was du tüchtig schufst, bleibt stehn.

Der Maulwurf hört in seinem Loch Ein Lerchenlied erklingen Und spricht: “Wie sinnlos ist es doch, Zu fliegen und zu singen!”

Was du nicht magst geistig fassen, Sollst du ungesungen lassen; Körperschmerz und Sinnenbrunst Liegen außerm Reich der Kunst.

Nimmer wirst du Unsterbliches schaffen, Nun vom Kampfe die Welt erbraust, Wenn du nicht über dem Lärm der Waffen Schon den Bogen des Friedens schaust.

Was der Wissenschaft gefällt, Wird darum der Kunst nicht taugen; Beide schaun dieselbe Welt, Doch mit ganz verschiednen Augen.

Willst du singen, so schlage die Leier, Aber philosophiere nicht, Oder es geht mit deinem Gedicht, Wie mit Penelopes Schleier.

Das Laub vom dunkelgrünen Strauch, Wie schmucklos deucht es allen! Aber stünd’ es im Kranz nicht auch, Wem würde der Kranz gefallen?

Als jung und stark wir waren, Da hatten wir nichts erfahren; Als wir ein Wissen gewonnen, War unsre beste Kraft zerronnen.

In Erinnrung nur zu schweben, Wie im Wind ein welkes Blatt, Hüte dich! Nur das heißt Leben, Wenn dein Heut ein Morgen hat.

Das füllt mit Jubel, füllt mit Klage Die Blätter der Geschichte Jahr um Jahr; Die Menschheit schreitet fort mit jedem Tage, Der Mensch bleibt ewig, der er war.

So ist es, war’s und wird es sein: Gebt Freiheit! rufen die Partein, Mit was für Farben sie sich schmücken; Das heißt: Gebt uns das Reich allein, Dass wir die andern unterdrücken! So ist es, war’s und wird es sein.

Leere Drohung, übler Brauch Wird des Feindes Hohn nur schärfen; Kannst du keine Blitze werfen, Freund, so lass das Donnern auch.

Lässt sich nicht vermeiden der Strauß, So fasse kühn das Schwert am Hefte. Im Angriff wachsen dir die Kräfte, Dem feigen Zaudrer gehn sie aus.

Autorität herrscht überm Rhein In Kirche, Staat und Dichtung; Bei uns dünkt keiner sich zu klein, Er hat seine eigene Richtung.

Besser bei uns ist der einzelne Streiter; Wüssten wir nur zusammen zu gehn! Als Masse bringen sie’s drüben weiter, Weil sie noch zu gehorchen verstehn.

“Woher so viel des Abgeschmackten, Das längst erschien als abgetan?” - Wir sind einmal Autodidakten, Und ganz von vorn fängt jeder an.

Leicht überschätzt der edle Mann Das, was er selbst nicht machen kann; Verkleinernd unter das Seine Herabzieht’s der gemeine.

Gilt’s Frauen zur Vernunft zu bringen, So lass den allgemeinen Ton; Wie klug sie reden von den Dingen, Sie meinen stets nur die Person.

Hast du getan einen törichten Schritt, So tu zurück ihn schnelle; Du machst ihn nimmer gut damit, Dass du behauptest die Stelle.

Ihr kommt, das Haus mir umzukehren, Und steckt mir’s überm Kopf in Brand, Und will ich meiner Haut mich wehren, So schimpft ihr mich intolerant.

Erspart doch mir und euch die Qual Und drängt mich nicht mit eurer Lehre! Denken und Glauben liegt einmal Nicht in des guten Willens Sphäre.

Ihr habt bei schlimmer Zeit in engen Schranken Bewahrt die Summe christlicher Gedanken; Doch diese engen Schranken sind noch drum Die Kirche nicht und nicht das Christentum.

Soll ewig denn als Pförtnerin Am Kirchtor die Dogmatik stehen? Gönnt endlich jedem einzugehen, Der sich bekennt zu eures Heilands Sinn.

Liebe, die von Herzen liebt, Ist am reichsten, wenn sie gibt; Liebe, die von Opfern spricht, Ist schon rechte Liebe nicht.

Auf des eignen Lebens Bahnen Schau nur unbestochnen Blicks, Und die Fäden des Geschicks Wirst du auch im Weltlauf ahnen.

Glaube, dem die Tür versagt, Steigt als Aberglaub’ ins Fenster; Wenn die Götter ihr verjagt, Kommen die Gespenster.

Je größer deine Flügel, So mehr halt dich im Zügel! Unkraut auf gutem Acker Gedeiht erst doppelt wacker.

Eins ist schlimmer noch als sündigen: Sünd’ als Tugend zu verkündigen.

Wenn die Stimme des Geistes spricht, Horch’ und folg’ ihr freudigen Mutes; Nur mit der Stimme des brausenden Blutes, Mit der törichten Schwester, verwechsle sie nicht!

Das Höchste bleibt ein freier Wille, Der, unverwirrt von Fleisch und Blut, Sich selbst getreu in Sturm und Stille Das Gute, weil es gut ist, tut.

Nennt’s nicht eitel Kraftverschwendung, Wenn ich dies und das begann; Manches wuchs nicht zur Vollendung, Doch ich selber wuchs daran.

Den Künstler frag’ am fert’gen Werke: Zu scheiden weiß er’s nimmerdar, Wieviel er schuf aus freier Stärke, Wieviel ein hold Empfangen war.

Aus tiefster Seele Dank dem Herrn, Der mir das Lied gegeben! Kann’s für die Welt nicht sein ein Stern, Ein Stern ist’s für mein Leben.

Ich sang mein Glück aus vollem Herzen, Der Wehmut Klage wob ich drein; Doch gibt’s auch stummgeborne Schmerzen, Und was ich litt, weiß Gott allein.

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Illustration zu Sprüche

Interpretation

Das Gedicht "Sprüche" von Emmanuel Geibel ist eine Sammlung von 52 kurzen Gedichten, die sich mit verschiedenen Lebensweisheiten und philosophischen Gedanken auseinandersetzen. Die Gedichte behandeln Themen wie Liebe, Freundschaft, Kunst, Wissenschaft, Politik, Religion und persönliches Wachstum. Geibel betont die Bedeutung von Kreativität und Inspiration in der Kunst und warnt davor, sich zu sehr auf wissenschaftliche Methoden zu verlassen. Er ermutigt dazu, mutig zu sein und Risiken einzugehen, um Großes zu erreichen. Gleichzeitig betont er die Wichtigkeit von Ehrlichkeit, Bescheidenheit und Selbstreflexion. Das Gedicht enthält auch kritische Betrachtungen zur Gesellschaft und Politik, insbesondere zur Rolle von Autorität und Freiheit. Geibel plädiert für Toleranz und Offenheit gegenüber verschiedenen Glaubensrichtungen und ermutigt dazu, sich auf das eigene Leben zu konzentrieren und nicht von äußeren Einflüssen beeinflussen zu lassen. Insgesamt vermittelt das Gedicht eine positive und optimistische Botschaft über das Leben und die menschliche Erfahrung.

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Metapher
Und was ich litt, weiß Gott allein