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Sprache

Von

I.

Wohl mir, daß ich im Land aufwuchs, wo die Sprache der Deutschen
Noch mit lebendigem Leib im Dialekte sich regt,
Milch der Mutter noch trinkt, noch quellendes Wasser am Borne,
Vom Schulmeister noch nicht rektifizirtes Getränk!
Immer wenn Einer spricht, der nie gelebt in der Mundart,
Hör‘ ich im Oberton einen didaktischen Klang.

II.

Freue des Lobs dich nicht, mein biederer schwäbischer Vetter,
Der du verwachsen blind im Dialekte noch steckst,
Der du kokett naiv vor fremden Ohren ihn bloßstellst:
Dazu, gemüthlicher Freund, ist er zu schlecht und zu – gut.
Nicht versteht es die Welt, welch‘ ungehobene Schätze
Köstlichen ächten Golds er noch im Schoße bewahrt.
Draußen weiß man es nur, daß er nicht korrekt und modern ist,
Und der Ironiker lacht über das lallende Kind,
Daß ein Schnitzer ihm scheint, was organisch gut und naturvoll,
Reicher und saftiger ist, wundre und ärgre dich nicht!
Unrecht hat er, es sei! Doch Recht auch hat er im Unrecht;
Sieht er auch farblos hell, sieht er doch heller als du.
Soll vom Besondern heraus das Allgemeine sich bilden,
Schwindet auch immer ein Theil Frische und Fülle dahin.
Kennst du es ganz, das Gut, wenn in Einer Sprache sich finden,
Sich empfinden, versteh’n sämmtliche Stämme des Volks?
Kennst du des Gutes Werth? Er ist unendlich. Die Mundart,
Traulichem Lampenschein gleicht sie im wohnlichen Haus,
Aber die Sprache, sie gleicht der Königlichen, der Sonne,
Wie sie in’s Offne hinaus Meere des Lichtes ergießt.

III.

Also, Lieber, was folgt? Man befehle jeglichem Schwaben:
Drei der Jahre hindurch sprichst du kein schwäbisches Wort!
Wenn dir Eines entfällt, so trifft dich empfindliche Strafe:
Etwa mit Einer Mark werde die Sylbe gebüßt!
Ist sie zu Ende die Zeit, so bist du entlassen, und frei nun
Stehst du, ein wählender Herr, über und im Dialekt,
Meidest, wo er nicht paßt, und sprichst ihn, wo er im Recht ist,
Unter den Deinen, im Haus, in dem befreundeten Kreis,
Scheidest mit freiem Blick, was er hat, von dem, was er nicht hat,
Scheuest vielleicht sogar einiges Studium nicht.
Nun erkennst du das Gold, das einst die Sprache zurückließ,
Als sie aus Mundartschoß langsam und schwer sich entband,
Hebst es mit sicherem Griff und rückst es kühnlich in’s Licht vor,
Wo die Sprache der Schrift Lücken und Blößen dir zeigt.
Jetzt, Freund, bist du im Recht und magst des Kritikers lachen,
Der von Sprache nur weiß, wie sie die Schule dozirt.
Laß ihn stehen, den Kopf, der eine lebendige Sprache
Vor der Bereicherung Glück hütet, als wäre sie todt,
Laß ihn stehen, er riecht ja nichts, er ist ja von Leder,
Lederne Nase verspürt nimmer den Hauch der Natur.

IV.

Zeitungsdeutsch, ihr meine Lieben,
Nein! Das hab‘ ich nie geschrieben,
Die Setzer hab‘ ich arg erschreckt,
Die Korrektoren hart geneckt.
Sie aber waren auch nicht dumm,
Sie drehten klug den Stiel herum,
Sie haben mir’s in’s Wachs gedrückt:
Mit Besserungen zum Verzweifeln
Ward mir von diesen schwarzen Teufeln
Zum Schlusse noch der Text beglückt.

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Gedicht: Sprache von Friedrich Theodor Vischer

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Sprache“ von Friedrich Theodor Vischer ist eine Auseinandersetzung mit der Bedeutung von Dialekt und Hochsprache sowie deren Verhältnis zueinander. Vischer, selbst aus dem schwäbischen Raum, nimmt in den ersten beiden Teilen des Gedichts eine ambivalente Haltung gegenüber dem Dialekt ein. Er preist die Lebendigkeit und Ursprünglichkeit des Dialekts, der „noch mit lebendigem Leib“ existiert, und kritisiert gleichzeitig die Beschränktheit derer, die ausschließlich in ihrem Dialekt verharren und sich der Hochsprache nicht zuwenden.

Im zweiten Teil wird die Dialektik dieser Haltung besonders deutlich. Vischer lobt einerseits die „ungehobenen Schätze“ und den „köstlichen ächten Golds“ des Dialekts, verweist aber andererseits auf dessen Unzulänglichkeiten in der modernen Welt, wo er als „nicht korrekt und modern“ wahrgenommen wird. Die Metapher vom „lallenden Kind“ des Dialekts, das vom Ironiker belächelt wird, verdeutlicht die Spannung zwischen der intimen Vertrautheit und dem Mangel an allgemeiner Akzeptanz. Vischer betont, dass das Verständnis des Dialekts für eine umfassende Sprachbildung unerlässlich ist, vergleicht ihn mit „traulichem Lampenschein“ im wohnlichen Haus, während er die Hochsprache mit der Sonne vergleicht, die „in’s Offne hinaus Meere des Lichtes ergießt“.

Der dritte Teil des Gedichts enthält eine Art Lehrstück, in dem Vischer eine radikale Methode vorschlägt, um die Beziehung zwischen Dialekt und Hochsprache zu klären. Er empfiehlt dem Schwaben, für eine bestimmte Zeit ausschließlich Hochdeutsch zu sprechen, um die Grenzen und Stärken beider Sprachformen zu erkennen. Durch diese „Kur“ soll ein freieres und bewussteres Verhältnis zur Sprache geschaffen werden, in dem der Dialekt dort eingesetzt wird, wo er angebracht ist, und die Hochsprache genutzt wird, um sich der Welt angemessen auszudrücken. Dieser Ansatz zielt auf eine Synthese ab, in der die Vorzüge beider Sprachformen genutzt werden.

Der vierte Teil des Gedichts, der sich mit der „Zeitungsdeutsch“-Sprache auseinandersetzt, schließt das Gedicht ab. Hier kritisiert Vischer ironisch die steife, unpersönliche Sprache der Zeitungen und stellt sich damit gegen eine rein normative Sprachverwendung, die die Lebendigkeit und Vielfalt der Sprache vernachlässigt. Die Anekdote über die Korrektoren, die seinen Text „beglückt“ haben, verdeutlicht die Problematik der Anpassung an eine vorgegebene, oft künstliche Sprachnorm. Das Gedicht insgesamt plädiert somit für eine differenzierte Auseinandersetzung mit Sprache, die sowohl die Ursprünglichkeit des Dialekts als auch die Notwendigkeit der Hochsprache berücksichtigt.

Weitere Informationen

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Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.