Spleen
1903Ich war zu lang bei Todten …
O, so lange Lag seine blasse Hand auf meinem Blick, Dass fahle Schleier auf die Erde fielen - Und alles ward so fern und schwer und todt.
Ich war zu lang bei Todten … O, ich lechze Nach neuem Leben, neuer grüner Luft, - Vielleicht nach feuchten, weissen Hyacinthen Mit ihrem quälend süssen Seelenduft - Vielleicht nach feuchten, silbergrauen Tagen …
Die Erde starrt so trostlos matt empor. Vereist sind ihr die heissen Liebesverse, Sie hüllt sich fröstelnd in ein weisses Lied … Das bleiche Winterlied … das Lied der Menschheit … Da plötzlich huscht ein laues Weh′n dahin, Und in der Luft, der herbgeschwellten, zittert Ein ahnungsbanges, ungesproch′nes Wort, So tief, so seltsam …
O, ich sehne mich Nach dämmerweichen, scheu verschwieg′nen Tagen Mit lindem Rieseln, das hinunter strömt Viel neue Glut und neue Frühlingskelche, Und lispelndes Verheissen, ach und all Die süssen, lichten, ew′gen Frühlingslügen …
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Interpretation
Das Gedicht "Spleen" von Lisa Baumfeld thematisiert eine tiefe Sehnsucht nach Erneuerung und Lebendigkeit nach einer Phase der geistigen Erstarrung und Nähe zum Tod. Die Ich-Erzählerin beschreibt, wie sie durch zu lange Beschäftigung mit dem Tod ihre Lebensfreude und Vitalität verloren hat. Alles erscheint ihr "fern und schwer und todt", die Welt ist in einen "fahlen Schleier" gehüllt. In den folgenden Strophen artikuliert die Erzählerin ihren intensiven Hunger nach neuem Leben, nach "grüner Luft" und nach sinnlichen Naturerlebnissen wie dem Duft von Hyazinthen. Doch die Erde selbst wirkt erstarrt und kalt, die "Liebesverse" sind "vereist". Die Welt gleicht einer frierenden Person, die sich in ein "weisses Lied" hüllt - ein Bild für die bleierne Erstarrung und den Mangel an Lebendigkeit. Doch dann deutet sich eine leise Veränderung an. Ein Hauch von Wärme streift durch die Luft, ein "ahnungsbanges, ungesproch'nes Wort" schwebt darin. Dieses tiefe, seltsame Gefühl lässt die Erzählerin nach zarten, verschämten Tagen voller sanften Regens und Verheißungen lechzen. Sie sehnt sich nach den "süssen, lichten, ew'gen Frühlingslügen" - nach einer trügerischen, aber wohltuenden Illusion von Erneuerung und Hoffnung, die den Winter der Erstarrung und des Todes vertreibt.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Metapher
- süssen, lichten, ew′gen Frühlingslügen
- Personifikation
- laus Weh′n huscht