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Spiritistisches Trinklied

Von

Es geht ein Geist im Keller um,
Komm, altes, treues Medium,
Komm, edler Knabe Christian,
Den Hahnen dreh‘, den Geist zieh‘ an
Zi, za, Geist zieh‘ an,
Ja an!

Da schwebt er schon, da schwebt er schon!
Schweig‘, arge Welt, mit deinem Hohn!
Wir liefern dir die Probe gleich:
Es existirt ein Geisterreich,
Gi, ga, Geisterreich,
Ja Reich.

Was sagt der Geist, was sagt der Geist,
Der hier im Humpen schwimmt und kreist?
»Erlöset mich, erlöset mich,
O nehmt mich auf in euer Ich!«
Je, ju, euer Ich,
Ja Ich!

Habt ihr gehört? Er thut es kund!
Reicht her, reicht hin von Mund zu Mund!
Laßt umegahn, laßt umegahn,
Es soll vom Geist ein Jeder han!
Ji, ja, Jeder han,
Ja han!

Schon kehrt er in uns mächtig ein,
Schon schimmert lichter Geisterschein
Aus allen Augen ringsumher
Und alle Nasen glänzen sehr,
Gli, gla, glänzen sehr,
Ja sehr!

Das Grundgeheimniß aller Welt
Ist offenbarlich aufgehellt,
Wir schauen ihm bis auf den Grund!
Wie lautet es? Die Welt ist rund,
Wi, wa, Welt ist rund,
Ja rund!

Die Welt ist rund, die Welt ist Wurst,
Drum macht sie uns auch so viel Durst!
Die Welt ist Wurst, die Welt ist Tand:
Trinkt euch empor in‘ s Geisterland,
Gi, ga, Geisterland,
Ja Land!

Ich merk’s, ihr fühlt des Geists Gewalt
Schon so, daß euch die Zunge lallt,
Er gießt sich aus noch heutzutag
Pfingstfeierlich im Zungenschlag,
Zi, za, Zungenschlag,
Ja Schlag!

Doch daß die Welt so wurst, so rund,
Das thun mir auch die Beine kund;
Daß mich des Weltalls Schicksal trifft,
Sagt ihre Psychographenschrift,
Gri, gra, Graphenschrift,
Ja Schrift!

Und fällt als armer Erdenwisch
Mein leiblich Wesen untern Tisch,
So hat in dem, was unten liegt,
Ja doch allein der Geist gesiegt,
Gi, ga, Geist gesiegt,
Ja siegt!

Komm, Medium, komm, Christian,
Und zieh‘ den Geist jetzt wieder an,
Komm, zieh‘ mich unter’m Tisch heraus
Und führ‘ das Geistorgan nach Haus,
Gi, ga, gan nach Haus,
Ja Haus!

Komm, lege das Organ in’s Bett,
Des schweren Leibes Lagerstätt‘,
Der Geist schwebt um ihn her und wacht
Und sieht den Schnarcher an und lacht,
Schni, schna, an und lacht,
Ja lacht!

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Gedicht: Spiritistisches Trinklied von Friedrich Theodor Vischer

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Spiritistisches Trinklied“ von Friedrich Theodor Vischer ist eine humorvolle und satirische Parodie auf spiritistische Praktiken und die vermeintliche Erforschung der Geisterwelt. Es präsentiert eine Szene, in der eine Gruppe von Freunden in einem Keller zusammenkommt, um durch Alkohol einen Zustand der Trance und des „Geist-Anziehens“ zu erreichen. Das Gedicht ist in Strophen mit Reimschema und einem sich wiederholenden Refrain gehalten, der die alkoholbedingte Euphorie und den Zustand der „Geisterbeschwörung“ betont.

Die zentrale Metapher des Gedichts ist die des Geistes, der durch Alkohol heraufbeschworen wird und die Anwesenden beeinflusst. Die „Geister“ werden durch das Trinken von Alkohol „angezogen“ und manifestieren sich in Form von Trunkheit, übersteigertem Selbstbewusstsein und schließlich auch in philosophischen „Erkenntnissen“ über die Welt, die sich als trivial und absurd herausstellen. Die wiederholten Refrains mit den rhythmischen Silben wie „Zi, za“ und „Gi, ga“ verstärken den spielerischen Charakter des Gedichts und simulieren die Art und Weise, wie sich Betrunkene verhalten und artikulieren. Der „edle Knabe Christian“ und das „treue Medium“ sind dabei die Hauptfiguren, die das spiritistische Ritual zelebrieren.

Die Satire richtet sich gegen die Vorstellung, durch spiritistische Praktiken tiefe Erkenntnisse über die Welt zu erlangen. Die „Enthüllungen“ des Geistes, wie etwa die Feststellung, dass die Welt rund ist, oder die Schlussfolgerung, dass sie deshalb „Wurst“ und „Tand“ ist, sind offensichtlich unsinnig und unterstreichen die Lächerlichkeit des Unternehmens. Der Autor stellt dar, wie Alkohol die Sinne trübt und die Fähigkeit zum kritischen Denken außer Kraft setzt, wodurch die Suche nach dem „Geist“ zu einer reinen Selbsttäuschung wird.

Das Gedicht nimmt im Verlauf der Strophen Fahrt auf, von der anfänglichen Beschwörung über die „Manifestation“ des Geistes bis hin zum vollkommenen Rausch und dem unvermeidlichen körperlichen Verfall (das „Untern-Tisch-Fallen“). Der Humor wird durch die zunehmende Unzusammenhängigkeit der Aussagen, die verschnarchten Reaktionen und die grotesken Bilder, wie etwa die „glänzenden Nasen“, verstärkt. Das abschließende Bild des Geistes, der über dem Schnarchenden wacht und lacht, ist ein ironischer Kommentar auf die Sinnlosigkeit der gesamten spiritistischen „Erfahrung“.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das „Spiritistische Trinklied“ ein amüsantes und geistreiches Gedicht ist, das die menschliche Schwäche und die Neigung zur Selbsttäuschung aufs Korn nimmt. Es parodiert nicht nur die spiritistischen Praktiken, sondern auch die Sucht nach Rausch und die Fähigkeit des Menschen, sich selbst und die Welt in einem Zustand der Trunkenheit falsch zu verstehen. Die klare Struktur, die eingängigen Reime und der Humor machen es zu einem gelungenen Beispiel für satirische Lyrik.

Weitere Informationen

Hier finden sich noch weitere Informationen zu diesem Gedicht und der Seite.

Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.