Spiritistisches Trinklied
1888Es geht ein Geist im Keller um, Komm, altes, treues Medium, Komm, edler Knabe Christian, Den Hahnen dreh’, den Geist zieh’ an Zi, za, Geist zieh’ an, Ja an!
Da schwebt er schon, da schwebt er schon! Schweig’, arge Welt, mit deinem Hohn! Wir liefern dir die Probe gleich: Es existirt ein Geisterreich, Gi, ga, Geisterreich, Ja Reich.
Was sagt der Geist, was sagt der Geist, Der hier im Humpen schwimmt und kreist? »Erlöset mich, erlöset mich, O nehmt mich auf in euer Ich!« Je, ju, euer Ich, Ja Ich!
Habt ihr gehört? Er thut es kund! Reicht her, reicht hin von Mund zu Mund! Laßt umegahn, laßt umegahn, Es soll vom Geist ein Jeder han! Ji, ja, Jeder han, Ja han!
Schon kehrt er in uns mächtig ein, Schon schimmert lichter Geisterschein Aus allen Augen ringsumher Und alle Nasen glänzen sehr, Gli, gla, glänzen sehr, Ja sehr!
Das Grundgeheimniß aller Welt Ist offenbarlich aufgehellt, Wir schauen ihm bis auf den Grund! Wie lautet es? Die Welt ist rund, Wi, wa, Welt ist rund, Ja rund!
Die Welt ist rund, die Welt ist Wurst, Drum macht sie uns auch so viel Durst! Die Welt ist Wurst, die Welt ist Tand: Trinkt euch empor in’ s Geisterland, Gi, ga, Geisterland, Ja Land!
Ich merk’s, ihr fühlt des Geists Gewalt Schon so, daß euch die Zunge lallt, Er gießt sich aus noch heutzutag Pfingstfeierlich im Zungenschlag, Zi, za, Zungenschlag, Ja Schlag!
Doch daß die Welt so wurst, so rund, Das thun mir auch die Beine kund; Daß mich des Weltalls Schicksal trifft, Sagt ihre Psychographenschrift, Gri, gra, Graphenschrift, Ja Schrift!
Und fällt als armer Erdenwisch Mein leiblich Wesen untern Tisch, So hat in dem, was unten liegt, Ja doch allein der Geist gesiegt, Gi, ga, Geist gesiegt, Ja siegt!
Komm, Medium, komm, Christian, Und zieh’ den Geist jetzt wieder an, Komm, zieh’ mich unter’m Tisch heraus Und führ’ das Geistorgan nach Haus, Gi, ga, gan nach Haus, Ja Haus!
Komm, lege das Organ in’s Bett, Des schweren Leibes Lagerstätt’, Der Geist schwebt um ihn her und wacht Und sieht den Schnarcher an und lacht, Schni, schna, an und lacht, Ja lacht!
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Interpretation
Das Gedicht "Spiritistisches Trinklied" von Friedrich Theodor Vischer ist ein humorvolles und ironisches Werk, das sich mit dem Thema Spiritismus und dem Einfluss von Alkohol auf die Wahrnehmung und das Verhalten des Menschen beschäftigt. Der Dichter nutzt die Form eines Trinkliedes, um die Verbindung zwischen spiritistischen Praktiken und dem Genuss von Alkohol zu thematisieren. Das Gedicht beginnt mit der Aufforderung, den Geist aus dem Keller zu holen, was sowohl den Alkohol als auch den spiritistischen Geist symbolisieren könnte. Die wiederkehrenden Reime und die rhythmische Struktur des Gedichts erinnern an ein Trinklied, das zum gemeinsamen Singen und Trinken einlädt. Die Verse beschreiben die Wirkung des Alkohols auf die Teilnehmer, die sich in einen Zustand versetzen, in dem sie sich spirituellen Erfahrungen ausgesetzt fühlen. Im weiteren Verlauf des Gedichts wird die Verbindung zwischen Alkohol und Spiritismus immer offensichtlicher. Der "Geist", der im Humpen schwimmt, bittet darum, in das Ich der Trinker aufgenommen zu werden, was die Verschmelzung von Alkohol und Seele symbolisiert. Die Teilnehmer fühlen sich vom Geist "mächtig eingegeben" und erleben eine Art spirituelle Erleuchtung, die jedoch durch den Einfluss des Alkohols hervorgerufen wird. Das Gedicht endet mit der Rückkehr zur Realität, als der "Geist" wieder in den Körper zurückkehrt und der Trinker ins Bett gebracht wird. Der letzte Vers, in dem der Geist über den Schnarcher lacht, verdeutlicht die Ironie des Gedichts: Die spirituellen Erfahrungen, die durch den Alkohol hervorgerufen wurden, sind letztlich nur ein vorübergehender Zustand, der mit dem Ende des Rausches endet.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Da schwebt er schon, da schwebt er schon! Schweig', arge Welt, mit deinem Hohn!
- Anapher
- Es geht ein Geist im Keller um, Komm, altes, treues Medium, Komm, edler Knabe Christian, Den Hahnen dreh', den Geist zieh' an Zi, za, Geist zieh' an Ja an!
- Apostrophe
- Erlöset mich, erlöset mich, O nehmt mich auf in euer Ich!
- Chiasmus
- Die Welt ist rund, die Welt ist Wurst
- Hyperbel
- Und alle Nasen glänzen sehr
- Metapher
- Wir liefern dir die Probe gleich: Es existirt ein Geisterreich
- Onomatopoesie
- Zi, za, Geist zieh' an Ja an! Gi, ga, Geisterreich Ja Reich. Je, ju, euer Ich Ja Ich! Ji, ja, Jeder han Ja han! Gli, gla, glänzen sehr Ja sehr! Wi, wa, Welt ist rund Ja rund! Gi, ga, Geisterland Ja Land! Zi, za, Zungenschlag Ja Schlag! Gri, gra, Graphenschrift Ja Schrift! Gi, ga, Geist gesiegt Ja siegt! Gi, ga, gan nach Haus Ja Haus! Schni, schna, an und lacht Ja lacht!
- Personifikation
- Was sagt der Geist, was sagt der Geist, Der hier im Humpen schwimmt und kreist?
- Rhetorische Frage
- Was sagt der Geist, was sagt der Geist, Der hier im Humpen schwimmt und kreist?
- Symbolik
- Die Welt ist rund, die Welt ist Wurst