Spätlinge

Friedrich Theodor Vischer

1809

Ein Admiral! So spät noch ausgeschlüpft! Er sonnt sich; wählig wiegt er seine Flügel, Auf schwarzem Sammtgrund weiß und roth gezeichnet, Im warmen Licht. Du arme Kreatur! Nicht ahntest du die kalten Regentage, Den trüben Schluß des trübsten aller Sommer, Als dich ein tückisch-schmeichlerischer Blick Des Dämon Föhn aus deiner Puppe lockte! Wenn’s gut geht, wirst du noch aus ein paar Blümchen Geringe Labung dünnen Honigs saugen! Dort hängt sie schon, die schwere graue Wolke, Und morgen oder diesen Abend noch Liegt aufgelöst dein zarter Leib im Grase.

Ja, ja, so geht es manchem Erdenkind: In fremde Zeit wird es hineingeboren, Es kommt zu spät wie dieser arme Falter; Wohin? Wohin? Ringsum ist Greisenalter, Du willst dich regen und du bist verloren.

Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Illustration zu Spätlinge

Interpretation

Das Gedicht "Spätlinge" von Friedrich Theodor Vischer beschreibt die tragische Situation eines Admiralfalters, der spät im Herbst aus seiner Puppe schlüpft. Der Falter, der auf schwarzem Samt mit weißen und roten Zeichnungen prächtig aussieht, sonnt sich im warmen Licht, ohne die nahende Kälte und den nahenden Winter zu ahnen. Der Dichter bedauert das Geschöpf, das durch die täuschende Wärme des Föhnwindes aus seiner Puppe gelockt wurde, und prophezeit ihm ein kurzes und unglückliches Leben. Der Falter wird nur noch ein paar Tropfen Honig aus den letzten Blumen saugen können, bevor er von der grauen Wolke und dem nahenden Regen hinweggerafft wird. Vischer nutzt die Metapher des Falters, um eine tiefere menschliche Erfahrung zu vermitteln. Er vergleicht den Falter mit einem "Erdenkind", das in eine fremde Zeit hineingeboren wird und zu spät kommt, um sich in seiner Umgebung zurechtzufinden. Die Welt um ihn herum ist bereits im "Greisenalter", und jeder Versuch, sich zu regen und anzupassen, führt zum Scheitern. Das Gedicht spiegelt die Gefühle der Isolation, des Verlustes und der Hoffnungslosigkeit wider, die ein Individuum empfinden kann, das in einer unwirtlichen und unfreundlichen Umgebung geboren wird. Die Sprache des Gedichts ist bildhaft und emotional, mit einer starken Betonung auf den Kontrast zwischen der Schönheit des Falters und der Härte seiner Umgebung. Die Verwendung von Personifikation, wie die Zuschreibung von "tückisch-schmeichlerischem Blick" an den Föhnwind, verstärkt die emotionale Wirkung des Gedichts. Die Wiederholung von "Wohin? Wohin?" am Ende des Gedichts unterstreicht die Verzweiflung und das Gefühl der Ziellosigkeit, das der Falter und damit auch der Mensch in einer feindlichen Welt empfindet.

Schlüsselwörter

spät arme geht wohin admiral ausgeschlüpft sonnt wählig

Wortwolke

Wortwolke zu Spätlinge

Stilmittel

Hyperbel
Ringsum ist Greisenalter
Metapher
Du willst dich regen und du bist verloren
Personifikation
Nicht ahntest du die kalten Regentage