Späte Liebe
1806Nein, Alter schützt vor Torheit nicht; Selbst mußt′ ich es erfahren! Jung bleibt die Seele, Reiz besticht Die Herzen trotz den Jahren!
Gepanzert wähnt′ ich meine Brust Fortan vor Eros′ Tücke, Doch er, dem Unheilschaffen Lust, Ersah sich eine Lücke.
Er hat mein arglos Herz verstrickt In blonder Locken Schlingen, Er ließ ein Aug′, das Unschuld blickt, Mit Gluten mich durchdringen!
O blaues Auge, licht und klar, Du hast mich überwunden, Du hältst mich, blondes Ringelhaar, Gefesselt und gebunden!
O kirschenroter Purpurmund, Wie lausch′ ich deinen Tönen, Wie jubl′ ich, will zur guten Stund′ Ein Lächeln dich verschönen!
So leb′ ich hin, mich still beglückt An ihrem Reize weidend, Die Blum′, die sie im Spiel zerpflückt, Um ihren Tod beneidend!
So leb′ ich hin und wünsche nichts, Als nur ihr Glück zu mehren, Als nur mit Fluten Sonnenlichts Ihr Leben zu verklären!
Erwidrung fordr′ ich, hoff′ ich nicht; Denn meine Sterne dunkeln, Wenn ihre hell und demantlicht Ihr überm Haupte funkeln!
Nur eines hoff′ ich still und fromm: Daß sie im Flug der Jahre Mein Angedenken, was auch komm′, Im Herzen sich bewahre!
O später Liebe herbes Los, Ich weiß, du heißt: entsagen, Du heißt: der Blume warten bloß, Nicht sie am Herzen tragen! -
So sprach ich jüngst gerührt sie an; Sie hört′s mit trocknen Augen Und führt zum Mund ihr Händchen dann, Recht herzhaft dran zu saugen!
Ihr starrt mich an, als wie im Traum, Betroffen und verwundert! Nun ja, sie zählt zehn Monden kaum Und ich ein halb Jahrhundert!
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Interpretation
Das Gedicht "Späte Liebe" von Friedrich Halm handelt von einem älteren Mann, der sich unerwartet in ein junges Mädchen verliebt. Trotz seines Alters und seiner vermeintlichen Erfahrung ist er den Reizen des Mädchens erlegen und von ihrer Schönheit verzaubert. Er bewundert ihre unschuldigen Augen, ihr blondes Haar und ihren roten Mund und fühlt sich ihr vollkommen hingegeben. Der Mann lebt in der stillen Hoffnung, dass das Mädchen ihn in ihrem Herzen bewahren wird, auch wenn er keine Erwiderung seiner Liebe erwartet. Er erkennt, dass die späte Liebe bedeutet, auf die Blume zu warten und sie nicht am Herzen tragen zu dürfen, also auf eine Erfüllung seiner Gefühle zu verzichten. In der letzten Strophe offenbart sich jedoch die ironische Wendung des Gedichts. Der Mann spricht ergriffen von seiner Liebe zu dem Mädchen, doch sie hört ihm mit trockenen Augen zu und saugt dann an ihrem Finger. Die Pointe liegt darin, dass das Mädchen gerade einmal zehn Monate alt ist, während der Mann bereits ein halbes Jahrhundert auf dem Buckel hat. Die "späte Liebe" des Mannes ist somit eine unerfüllte und einseitige Zuneigung zu einem Säugling, die aufgrund des Altersunterschieds und der Unschuld des Kindes niemals erwidert werden kann. Das Gedicht thematisiert auf humorvolle Weise die Torheit der Liebe und die Tatsache, dass das Alter keinen Schutz vor ihren Gefahren bietet.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Metapher
- halb Jahrhundert
- Personifikation
- Eros′ Tücke