Späte Einsicht
1817Die Lieb′ ist wie die Sonne, Verwegner Uebermuth, Der schaudernd in der Wonne Der heißen Lebensgluth, Den Lichtquell zu ergründen, In seine Tiefe blickt, Muß da zuletzt erblinden Wo sich sein Herz entzückt.
Doch wer nur still bescheiden Das sanfte Licht genießt, Woraus ein Meer von Freuden Für alle Wesen fließt, Wer nie die letzte Quelle, Nur ihre Wirkung sucht, Den labt die Sonnenhelle, Der keine Thräne flucht.
So denk′ ich oft und meine, Daß ich wohl gut gedacht. Doch wenn ich trostlos weine Hinaus in all′ die Nacht, Wenn sich mein Auge wendet Zu Morgensternes Glanz, Da fühl′ ich′s nicht geblendet, Wohl aber blind es ganz.
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Interpretation
Das Gedicht "Späte Einsicht" von Wilhelm Friedrich Waiblinger beschreibt die Liebe als eine mächtige, aber gefährliche Kraft, die mit der Sonne verglichen wird. Der erste Teil des Gedichts warnt vor den Gefahren der ungebremsten Leidenschaft, die wie ein wagemutiger Übermut in die Tiefe der Liebe blickt und dabei erblindet. Der zweite Teil preist diejenigen, die die Liebe bescheiden und still genießen, ohne nach ihrer Quelle zu suchen, und dadurch von ihrem Licht genährt werden. Die Schlussstrophe offenbart eine persönliche Reflexion des lyrischen Ichs, das sich oft als weise betrachtet, aber in Momenten der Verzweiflung und Einsamkeit erkennt, dass es die Liebe nicht wirklich versteht. Die Metapher des Morgensterns, der das Auge nicht blendet, aber es dennoch blind macht, deutet auf eine späte Einsicht hin: Die Liebe bleibt auch bei reflektierter Betrachtung ein Rätsel, das das Herz verwirrt und das Urteilsvermögen trübt. Das Gedicht vermittelt eine ambivalente Haltung zur Liebe, die sowohl als Quelle des Glücks als auch als Gefahr der Verblendung dargestellt wird. Es endet mit der Erkenntnis, dass selbst nachdenkliche Betrachtung der Liebe nicht zu einem klaren Verständnis führt, sondern eher zu einer tieferen Verwirrung und Unsicherheit.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Metapher
- Wohl aber blind es ganz
- Personifikation
- Der schaudernd in der Wonne
- Vergleich
- Die Lieb′ ist wie die Sonne