Sonntagsfeier

Robert Eduard Prutz

1816

Was schwebt dort auf des Wohllauts Schwingen Zu mir herüber durch die Luft? Ich hör es rauschen, hör es klingen In süßem morgentlichem Duft: Das ist die Orgel, sind die Glocken Und der Posaunen ernster Klang, O horch, sie laden mich und locken Zu einem längst entwöhnten Gang. -

Sieh, vor der Kirche, welch Gedränge! Vom Staub des Werkeltages rein, Drängt alt und jung, in bunter Menge Sich in das Heiligtum hinein: Und hier, im sonntäglichen Kleide, Den Kranz im glattgestrichnen Haar, Gesenkten Augs, doch Augenweide, Der Jungfraun wunderholde Schar.

Sie gehen all mit leisen Schritten, Erwägend ihres Herzens Not, Sie wollen beten, wollen bitten Um Haus und Hof und täglich Brot: Daß sich die Krankheit endlich wende, Daß auf dem Feld die Frucht gedeih Und daß die Arbeit ihrer Hände Mit gutem Zins gesegnet sei.

O Wahn des Glaubens, süße Stille, In der das Herz sich selbst verlor, Du meiner Kinderwelt Idylle, Was steigst du heute mir empor? Und würde mir die Welt zu eigen Und neigten alle Sterne sich: Ich könnte doch mein Knie nicht neigen, Nicht deine Psalmen rühren mich! -

Denn andre Glocken hör ich tönen, Ein andres Lied steigt himmelwärts, Und anders strömt mit mächt′gem Dröhnen Drommetenklang mir in das Herz! Wir stehen auch gedrängt in Scharen, Wir Männer, die der Tag erweckt; Doch keinen Kranz in unsern Haaren, Mit Myrten nur das Schwert bedeckt!

Wir glauben auch an einen Morgen, An einen Sonntag hell und licht, Der, blöden Augen noch verborgen, Die Wolken endlich doch durchbricht! Wir beten auch - unausgesprochen, Ein Hauch, der unsre Brust durchweht, Ein stummer Schwur, ein Herzenspochen, Und eine Tat - das ist Gebet!

Drum sollt ihr uns nicht gottlos schmähen, Nennt uns nicht Ketzer, treibt nicht Spott: Auch hier, wo unsre Fahnen wehen, Der freie Geist ist auch ein Gott! Von allem Finstern, allem Bösen, Von Sklavenketten groß und klein, Er wird noch einmal uns erlösen, Noch einmal unser Heiland sein.

Laßt denn geduldig, ohne Grollen, Uns wandeln auf verschiednem Pfad: Sei jeder nur getreu im Wollen, Nur jeder männlich in der Tat! Dann deinen Gläub′gen, deinen Frommen, Mit Liederklang, mit Schwerterschlag, Dann wirst auch du uns endlich kommen, Du, unser Sonntag, Freiheitstag!

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Illustration zu Sonntagsfeier

Interpretation

Das Gedicht "Sonntagsfeier" von Robert Eduard Prutz beschäftigt sich mit dem Kontrast zwischen traditioneller religiöser Andacht und einer neuen Form des Glaubens an Freiheit und Fortschritt. Der Erzähler hört zunächst die Klänge von Orgel, Glocken und Posaunen, die ihn an den Gang zur Kirche erinnern, den er längst aufgegeben hat. Er beobachtet die Menschen, die sich in festlicher Kleidung zur Kirche begeben, um für ihr tägliches Leben und ihre Gesundheit zu beten. Der Erzähler distanziert sich jedoch von diesem traditionellen Glauben und bezeichnet ihn als "Wahn des Glaubens". Er betont, dass selbst wenn ihm die ganze Welt zu Füßen läge, er nicht in der Lage wäre, sein Knie zu beugen oder die Psalmen zu berühren. Stattdessen hört er andere Glocken und ein anderes Lied, das ihm in das Herz dringt. Er und seine Mitstreiter stehen ebenfalls gedrängt in Scharen, aber ohne Kranz in den Haaren, nur mit Myrte bekränztem Schwert. Der neue Glaube, den der Erzähler und seine Mitstreiter teilen, ist der Glaube an einen kommenden Morgen, an einen Sonntag, der die Wolken durchbricht und die blöden Augen erleuchtet. Ihr Gebet ist nicht ausgesprochen, sondern ein Hauch, der durch ihre Brust weht, ein stummer Schwur, ein Herzenspochen und eine Tat. Sie glauben an die Macht des freien Geistes als Gott und hoffen darauf, dass er sie einmal von allem Finstern, allem Bösen und von Sklavenketten erlösen wird. Der Erzähler appelliert an Toleranz und Verständnis für die verschiedenen Wege, die Menschen im Glauben gehen. Er fordert dazu auf, geduldig und ohne Groll nebeneinander herzuwandern, solange jeder in seinem Willen getreu und männlich in der Tat ist. Am Ende hofft er darauf, dass die traditionellen Gläubigen und Frommen eines Tages auch ihn und seine Mitstreiter mit Liedern und Schwertern willkommen heißen werden, wenn der Tag der Freiheit gekommen ist.

Schlüsselwörter

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Wortwolke

Wortwolke zu Sonntagsfeier

Stilmittel

Bildsprache
Gesenkten Augs, doch Augenweide
Hyperbel
Und würde mir die Welt zu eigen
Kontrast
Doch keinen Kranz in unsern Haaren, Mit Myrten nur das Schwert bedeckt!
Metapher
Du, unser Sonntag, Freiheitstag!
Personifikation
O horch, sie laden mich und locken
Symbolik
Der freie Geist ist auch ein Gott