Sonnet über das Kupffer-Blatt

Christian Weise

1914

Was überflüssig ist begehr ich nicht zu schreiben, Doch ist nicht unser Hertz ein steter Uberfluß Da eine Fruchtbarkeit der andern folgen muß, Und was will in der Brust vor sich gefangen bleiben?

So bald man frölich ist, da wachsen und bekleiben Die Rosen aus der Lust; kömmt Jammer und Verdruß, So grünt der Nessel-Strauch, der gründet seinen Fuß Und läst den scharffen Brand durch keine Macht vertreiben.

Will uns das Glücke wol, so prangt die reiffe Frucht Des Trostes um und um; doch geht es in die Flucht: So muß das trockne Land auch dürre Zweige tragen.

Deswegen halt ich nit des Hertzens Wachsthum auff, Und laß in Freud und Leid mir selbst den freyen Lauff. Ich mag mich als ein Mensch der Menschheit nicht entschlagen.

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Illustration zu Sonnet über das Kupffer-Blatt

Interpretation

Das Gedicht "Sonnet über das Kupffer-Blatt" von Christian Weise beschäftigt sich mit den natürlichen Gefühlswechseln im menschlichen Herzen. Weise betont, dass das Herz von Natur aus überfließend ist und dass eine Gefühlsfülle die andere hervorruft. Er fragt, warum Emotionen in der Brust gefangen bleiben sollten, wenn sie sich doch natürlich ausdrücken wollen. In den folgenden Versen vergleicht Weise die Gefühlszustände mit Pflanzen. In Zeiten der Freude wachsen und blühen die Rosen der Lust, während in Zeiten des Kummers und der Verzweiflung der Nesselstrauch gedeiht und seinen scharfen Stachel nicht verlieren kann. Ebenso bringt das Glück die reifen Früchte des Trostes hervor, während das Unglück das trockene Land mit dürren Zweigen belastet. Weise schließt das Gedicht mit der Feststellung, dass er die natürliche Entwicklung der Gefühle im Herzen nicht aufhalten will. Er lässt sich in Freud und Leid freien Lauf und betont, dass er sich als Mensch der Menschlichkeit nicht entziehen kann. Das Gedicht verdeutlicht die Unausweichlichkeit der Gefühlswechsel und die Notwendigkeit, sie als Teil der menschlichen Natur zu akzeptieren.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Metapher
Und laß in Freud und Leid mir selbst den freyen Lauff
Personifikation
Das Glücke