Sonnenwendlied der Vögel
1907Da oben geht ein goldnes Rad, Das uns geweckt und befohlen hat, Vor unsre Tür zu treten. Und magisch singts mit unsrem Mund, Als forschten wir nach allem Grund, Urseher und Propheten.
Da oben geht ein goldnes Rad, Geht um sich selbst, weiß keinen Pfad, Wir wissens ohne Wissen. Es steht in seinem Großen Grab Und bleibt darin und wartet ab In blauen Finsternissen.
Da oben geht ein goldnes Rad, Das warf uns hin auf seinen Pfad, Geht um in unsren Seelen: Wir sind in unsrem Nest und Grab, Und mit uns ist und wartet ab, Das Lied in unsren Kehlen.
Da oben geht eine goldnes Rad, Am Abend prunkts im Sterbestaat, Der ist wie rote Seide. Und so wird unsrer Neste Stroh, Und unsre Schnäbel werden so, So rot wie von Leide.
Da oben geht ein goldnes Rad, Das hat in jeder Furt sein Bad Und trinkt aus allen Krippen. Das Rad, das liegt auf unsrem Mund, Wir singen uns an ihm noch wund Wie unsre Mütter und Sippen.
Da oben geht ein goldnes Rad, Das Erden zu Aposteln hat Und alles auf den Erden. Wir tragen all einen Mühlenstein, Der Ast ist zu dünn, wir sind zu klein, Wir werden müde werden.
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Interpretation
Das Gedicht "Sonnenwendlied der Vögel" von Oskar Loerke handelt von der zyklischen Natur des Lebens und der Vergänglichkeit aller Dinge. Das goldene Rad, das sich oben am Himmel bewegt, symbolisiert die Sonne und den ewigen Kreislauf von Tag und Nacht, Leben und Tod. Die Vögel, die das Lied singen, sind Zeugen dieses ewigen Wandels und tragen ihn in ihren Kehlen. Das Gedicht beschreibt die verschiedenen Phasen des Lebens, von der Geburt und Jugend bis zum Alter und Tod. Die Vögel werden geboren, wachsen heran und tragen die Erinnerungen ihrer Vorfahren in sich. Sie erleben die Schönheit des Lebens, aber auch die Schmerzen und die Müdigkeit, die mit dem Älterwerden einhergehen. Das goldene Rad, das sich über ihnen dreht, ist ein Symbol für die Unausweichlichkeit des Wandels und die Vergänglichkeit aller Dinge. Am Ende des Gedichts wird deutlich, dass die Vögel, obwohl sie klein und zerbrechlich sind, eine wichtige Rolle im großen Ganzen spielen. Sie tragen den Mühlenstein des Lebens und sind Zeugen des ewigen Kreislaufs. Das Gedicht endet mit der Erkenntnis, dass das Leben anstrengend ist und dass die Vögel müde werden, aber dass sie dennoch weitersingen und den Gesang ihrer Vorfahren weitertragen.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Anapher
- Da oben geht ein goldnes Rad
- Metapher
- Wir werden müde werden
- Personifikation
- Das uns geweckt und befohlen hat